Zu den Terrorangriffen vom 11.9.2001
                                                                             Texte der neuen amerikanischen Linken / ZMagazin
                                                                             die 5 Übersetzungen sind von Herrmann Cropp
                                                                        .... weitere Übersetzungen aus dem ZMagazin folgen!
Inhalt dieser Seite:
Herrmann Cropp: Kein US-Antiterror gegen Afghanistan! - Und auch nicht im Innern! (in Contraste Nov.2001)
Robert Fisk : Die Grausamkeiten könnten dazu dienen, Amerika zu einem kostspieligen militärischen
                    Abenteuer zu verleiten - 12. September 2001
Robert Fisk: Bush und Blair haben den Redekrieg im Nahen Osten schon verloren -
                    Der Independent  10. Oktober 2001
Stephen R. Shalom: Die Vereinigten Staaten und Naher Osten - Warum hassen "sie" uns?
                    (überarbeitet 22. Sept 2001)
Tariq Ali: Bomben, Zurückschlagen, und die Zukunft
Tariq Ali: Fragen und Antworten

Das vollständige Interview von Christian Sigrist wird in Kürze ins Netz gestellt

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Herrmann Cropp:
        Kein US-Antiterror gegen Afghanistan! - Und auch nicht im Innern!

Nach ein paar Wochen Bomben gewöhnt man sich daran. Der Normalitätssinn macht auf eine Weise zynisch, die man kaum bemerkt. Das in der ersten Zeit fast krankhafte Informationsbedürfnis läßt nach, dafür paßt man beim Wetterbericht besser auf, und eigentlich hat war es von Anfang an zu merken, wie die Berichte sich irgendwie alle gleichen. Man beginnt sich auch zu fragen, ob zu dem Thema überhaupt noch was Neues zu sagen ist? Und ob einer zuhört?

So durfte ich kürzlich bei einer Demonstration in einer Provinzstadt zusammen mit etwa 50 Angehörigen unserer Informationsbedürfnis verspürte und neben den kostenlosen Flugblättern 20 unserer Afghanistanbroschüren (nur Text, keine Bilder!) haben wollte, während aber die Demonstranten nur 2 oder 3 wollten - erstaunlich, oder? Jene 50 Demonstranten waren Teilnehmer eines Bildungswochenendes, bei dem hauptsächlich darüber gesprochen wurde, wie man und Frau am Erwerbsleben teilhaben könne, ohne seine Überzeugungen aufgeben zu müssen - auch erstaunlich, was?

Vielleicht muß Schily um die Innere Sicherheit gar nicht so besorgt sein. Ich glaube sogar, er und seine Ordnungsfanatiker sind die einzigen, die sie bedrohen. Sie schärften ihre Waffen zum Kampf gegen den Feind im Inneren. Aber mit innerer Repression den gesellschaftlichen Frieden zu erhalten ist eine riskante Sache. Wenn sich die Amerikanisierung via Globalisierung in Europa durchsetzt, mag das irgendwie funktionieren, aber die Herrschaften, denen das so patent erscheint, die nach Militärs für innere Einsätze, nach Schwarzen Söldnern für Einkaufszonen und Nobelviertel rufen und eine demokratisch kontrollierte Polizei nicht bezahlen wollen, riskieren hier in Europa das Auseinanderbrechen von Strukturen, wie es sie in der Cowboygesellschaft Amerikas gar nicht gibt. Dann dürfte Schily als derjenige in die Geschichte eingehen, der den Bürgerkrieg vorbereitet hat. Bei den Russen gab es nach dem 2. Weltkrieg eine Redensart: Die Russen schlagen sich selbst, die Deutschen schlagen die andern. Schily macht auf Stalinismus, er ist der Typ dafür.

Aber der Terrorismus ist ein Wahrnehmungsfehler: das Risiko, in unserer Gesellschaft durch Terror statt durch andere Ursachen wie Verkehrsunfälle ums Leben zu kommen, tendiert gegen Null. Das Risiko jedoch, durch die entfesselte Angst vor Terror einem globalen Sicherheitsstaat zum Opfer zu fallen, ist millionenfach, wie die jüngste deutsche Geschichte zeigt. Dabei haben wir in den letzten Jahrzehnten etliche Weltuntergänge erlebt und wieder vergessen, Tschernobyl, Seveso, Harrisburg, Bhopal, BSE - Grund zu dem historischen Optimismus, daß unserer Zivilisation ein Automatismus zum Guten eingebaut wäre?

Langsam beginnen ich mich zu fragen, wieviel ein paar Kerzen in Leipzig und wie wenig zwei Millionen Tote in Afghanistan für den Lauf der Geschichte bedeuten, wieviel eine Wiedervereinigungsidee von Helmut Kohl und wie wenig eine besiegte Rote Armee zu bedeuten hat, wie wichtig ein kapitalistischer Turmbau zu Babel ist, wie angenehm es ist von den Höhen des Turms auf die Menschen herabzuspucken, und wie wenig die da oben das Elend der Hütten in Afrika und Asien juckt. Möglicherweise verdanken wir das Ende des Kalten Krieges ein paar Millionen Steinzeit-Islamisten, möglicherweise haben die Armen der Welt eine Idee, die uns nicht in den Kram paßt, nämlich eine Idee, die Antworten auf dringende Fragen der Ungerechtigkeit dieser Zeit geben kann, welche der kapitalistisch-säkulare Protestantismus und der autoritäre Katholizismus nicht im Stande zu geben sind.

Jawohl, mich interessieren mehr die Ideen der Hungrigen als die Karrieresorgen der Satten, auch wenn der Islam nicht ins rationalistisch-protestantische Konzept des Westens paßt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Ideen der Satten überhaupt das Recht haben, die Welt zu gestalten, denn offenbar haben sie keine Idee, wie alle gleichermaßen satt werden. Wir wissen viel zu wenig über den Islam. Wenn die Armen eine Hoffnung auf Gerechtigkeit in dieser Religion finden können, wird es Zeit sich damit zu befassen, statt mit der versteckten fundamentalistisch-christlichen Hetze gegen weniger freizügige Sitten oder in der Version von Huntingtons Kulturkampf, den auch Habermas als Philosoph der rationalistischen Moderne führt (- bis jetzt!).

Chefideologe Habermas befürwortete den Jugoslawienkrieg als "kosmopolitisches Recht einer Weltbürgergesellschaft", gleichwohl er nun skeptischer ist, was die "vernunftrechtliche Legitimation von Recht und Politik" betrifft. Als Konsequenz der "Explosion", wie er sich ausdrückt, dieser Spannungen zwischen "globalisierter Moderne" und den globalen Verlierern befürchtet er nicht weniger als einen "globalisierten Sicherheitsstaat", vor dem uns nur noch die "fahle Hoffnung auf eine List der Vernunft" bleibe. Wenn er daraufhin die "postsäkulare Gesellschaft" ankündigt, bleibt immerhin zu hoffen, daß dieser staatstragende Philosoph endlich von seiner ideologiesierten Moderne und der ideologiesierten Vernunft Abstand nimmt und die Postmoderne nicht mehr wegen ihrer Unübersichtlichkeit schmäht, sondern die Chancen der globalen Unverbindlichkeit, der Toleranz und des Pluralismus begreift. Es geht um kulturelle und religiöse Vielfalt ohne Vorrang einer Vernunftreligion, das sieht auch Habermas ein, wenn er von postsäkular spricht.

An dieser Stelle möchte ich etwas ins Detail gehen, weil hier eine Konfliktlinie für unsere Leser wie auch für linke Diskussionen liegt: Ich mag es nicht, wenn Diskussionen und Kommentare jedes neue Ereignis oder Entwicklung oder zum Beispiel die Friedenspreisrede von Habermas mit ihrem stets selben Begriffsinstrumentarium abchecken, das ist als wenn einer mit seinem Steckenpferd durch die Geschichte reitet. Statt nach Bestätigung für seine Theorie muß man nach neuem Verständnis suchen, auch wenn eine Lieblingstheorie das endlose Wachstum der Geldsäcke vorhersagt oder ein Schumpeter vor 100 Jahren das Wort von der "schöpferischen Zerstörung" geprägt hat, in dessen Wiederholung sich Habermas gefällt - übrigens nannte Bakunin die Zerstörung eine schöpferische Lust - aber bitte, unter www.materialien.org/texte/ gibt es den Habermas-Kommentar, auf den ich mich beziehe.

Wenn die Kriege der Zukunft wirklich "nur" noch ein Mittel der Welt-Innenpolitik wären, hätten wir uns auf was Finstereres als ein Mittelalter gefaßt zu machen. Vor 2500 Jahren versuchte schon Thukydides in den Krieg eine neue Qualität hineinzuinterpretieren - eine intelligente Argumentation, habs grad nachgelesen - aber machen wir uns diesbezüglich keine Hoffnung auf weltbürgergesellschaftlichen Fortschritt, Krieg und Mord bleiben sich immer gleich!
 

Robert Fisk - (12. September 2001)
Die Grausamkeiten könnten dazu dienen, Amerika zu einem kostspieligen militärischen Abenteuer zu verleiten

Ich kann mir vorstellen, wie Osama bin Laden die Nachrichten von den Grausamkeiten in den Vereinigten Staaten erhielt. Insgesamt muß ich fünf Stunden damit verbracht haben, ihm im Sudan und dann in den großartigen afghanischen Bergen zuzuhören, als er den unvermeidlichen Zusammenbruch der Vereinigten Staaten ankündigte, ebenso wie er und seine Gefährten im afghanischen Krieg halfen, die rote Armee zu schlagen.

Er wird es im Satellitenfernsehen gesehen haben, er wird in der Ecke seines Zimmers gesessen haben, seine Zähne mit einem Mishwak-Stück reinigend, wie er es immer tat, und bis zu einer Minute vor dem Sprechen nachdenkend; er ist einer der wenigen Araber, den es nicht verlegen macht, nachzudenken bevor er spricht. Er sagte mir einmal mit Stolz, wie seine eigenen Männer die Amerikaner in Somalia angegriffen hatten. Er bestätigte, daß er persönlich zwei der Saudis kannte, die für den Anschlag auf eine amerikanische Militärbasis in Riad hingerichtet wurden. Hat er hinter dem gestrigen Massenschlachten in Amerika gestanden?

Hier muß der gesunde Menschenverstand warnen. Wenn Herr bin Laden all dessen, wofür er verantwortlich gemacht wird, wirklich schuldig wäre, bräuchte er eine Armee von 10.000. Es ist etwas tief beunruhigendes an dieser Gewohnheit der Welt, sich an die jeweils letzte Haßfigur zu halten, wenn irgendwo Blut vergossen wird. Aber wenn Ereignisse von so bedeutsamem Umfang stattfinden, gilt eine neue Legitimität, jene zu verdächtigen, die Amerika konstant gedroht haben.

Herr bin Laden hatte während des afghanischen Kriegs eine Art von religiöser Erfahrung. Als eine russische Granate direkt vor seine Füße gefallen war, hatte er in den Sekunden, als er darauf wartete, daß sie explodiert, ein plötzliches, religiöses Gefühl der Ruhe. Die Granate - und die Amerikaner könnten wünschen, daß das Gegenteil geschehen wäre - explodiert nie. Alle 10 Minuten sagte er, die Vereinigten Staaten müssen den Golf verlassen. Amerika muß alle Sanktionen gegen das irakische Volk beenden. Amerika muß aufhören, Israel dazu zu benutzen, die Palästinenser zu unterdrücken. Das war sein konstantes Thema, unberührt von Zweifeln oder der wirklichen Komplexitäten des Nahen Ostens. Er kämpfte keinen Anti-Kolonialkrieg, sonden einen religiösen. In dem Arabien, das er beherrschen würde, gäbe es mehr statt weniger Enthauptungen, mehr schwere Strafen, keine westliche Demokratie.

Seine Mitstreiter - Algerier, Kuwaitern, Ägypter und Golfaraber - versammelten sich um ihn in seinem Zelt mit der Ehrfurcht von Männern, die einem Messias zuhören. Ich beobachtete sie eine Nacht in Afghanistan in einem Berglager, als es so kalt war, daß ich aufwachte und Eis in meinem Haar fand. Sie waren ihm gegenüber auf eine Art gehorsam, nicht wie Schulkinder, sondern wie man es unter Leuten mit gebildetem Verstand findet. Und die Reden, denen sie zuhörten, waren in ihren Auswirkungen furchtbar. Amerikanische Zivilisten würden nicht mehr geschont als militärische Ziele. Dies war kein Mann, der zögern würde, seine Versprechen zu auszuführen, wenn er könnte. Er war ein Mann, dem die entsetzliche Ironie gefiel, einen Raketenabwehrschild gegen "Schurken-Staate" zu aufzubauen, ohne daß dies jemand hindern könnte, Verkehrsflugzeuge in das Zentrum von Amerikas finanzieller und militärischer Macht zu lenken.

Doch erinnere ich mich auch an eine Nacht, als Herr bin Laden einen Stapel Zeitungen in meiner Tasche sah und sie ergriff. Bei einer zischenden Öllampe las er sie Seite für Seite in der Ecke seines Zelts, der Welt um ihn herum nicht bewußt, und laut las er vom Besuch eines iranischen Außenministers in Saudi-Arabien. War er wirklich der Mann, der Amerika Schaden zufügen konnte, der gelacht hatte, als er hörte, daß die Vereinigten Staaten eine Belohnung von 5 Mio $ auf seinen Kopf ausgesetzt haben? War es nicht Amerika, fragte ich mich dann, das Herrn bin Laden zu dem Gesicht des "Weltterrors" machte? War er wirklich so mächtig und so mörderisch?

Wenn - und wir müssen fortfahren, dieses Wort "wenn" zu wiederholen - wenn der Schatten des Nahen Osten auf die gestrige Zerstörung fällt, wer sonst in die Region könnte solche genau abgestimmten Angriffe auf die einzige Supermacht der Welt ausführen? Die schlecht angesehenen, korrupten palästinensischen, nationalistischen Gruppen, die Hijacking bevorzugen, sind kaum in der Lage, einen einzelnen Selbstmordbomber zu hervorzubringen. Hamas und Islamischer Jihad haben weder die Fähigkeit noch das Geld, die für diesen Angriff nötig waren. Höchstens einige Gruppen im Umfeld der libanesischen Hizbollah in den 1980ern, bevor die Organisation zur einzigen Widerstandsbewegung wurde, konnten soetwas planen. Der Bombenangriff auf die US-Marine 1983 brauchte Genauigkeit, Timing und umfangreiche Planung. Aber der Iran, der diese Gruppen unterstützte, hat sich zurückgezogen und ist mit seinen internen Kämpfen beschäftig, anstatt in endlosem Streben eine religiöse Revolution "zu exportieren". Der Irak liegt zerbrochen, seine Agenten sind entschlossen, ihre eigene Bevölkerung zu foltern, anstatt jenes Land anzugreifen, von dem es 1991 so schnell besiegt wurde.

Also werden die Berge von Afghanistan in den kommenden Tagen von Satelliten und Flugzeugen fotografiert, Herrn bin Ladens alte Trainingslager und vielleicht einige neue, die auf den Overheadprojektoren im Pentagon besonders markiert sind. Aber zu welchem Zweck? Als Amerika zuletzt versuchte, Herrn bin Laden zu treffen, zerstörte es eine harmlose Pharmafabrik im Sudan, und einige von Herrn Ladens Moslem-Anhängern in Afghanistan. Wenn dies ein Krieg zwischen dem saudischen Millionär und Präsidenten Bush's Amerika ist, kann er nicht wie andere Kriege geführt werden. In der Tat kann er ohne irgendein kostspieliges militärisches Abenteuer auf Übersee geführt werden.

Oder ist es das, was Herr bin Laden erreichen will?
 

Robert Fisk :
    Bush und Blair haben den Redekrieg im Nahen Osten schon verloren
                          Independent  10. Oktober 2001

Die Herren Bush und Blair mögen der Welt erklären, daß sie den "Krieg gegen Terrorismus" gewinnen werden, aber im Nahen Osten, wo Osama bin Laden dabei ist einen fast mythischen Status unter den Arabern zu erwerben, haben sie schon verloren.

Sei es ein libanesischer Minister, ein saudischer Journalist, ein jordanischer Bankangestellter oder ein einfacher Ägypter, die Antwort ist immer die gleiche: Herrn bin Ladens  wiederholt in Millionen Haushalte ausgestrahlte Stimme artikuliert die Forderungen, Klagen und die Wut der Nahost-Moslems, die gesehen haben, wie sich ihre profiwestlichen Präsidenten, Könige und Prinzen vor jeder ernsten Kritik an der anglo-amerikanischen Bombardierung von Afghanistan drücken.

Bei dem letzten Videoband von Herrn bin Laden konzentrierten sich die westlichen Nationen (wenn sie denn zuhörten), auf seine Bemerkungen über die Grausamkeiten in den Vereinigten Staaten. Wenn er sein Einverständnis ausdrückt, obwohl er jede persönliche Verantwortung zurückwies, bedeutete das nicht, daß er hinter dem Massenmord von 11. September stand?

Die  Araber hörten mit anderen Ohren. Sie hörten eine Stimme, die den Westen der doppelten Standards und der "Arroganz" gegenüber dem Nahen Ostens beschuldigte, einer Stimme, die das zentrale Problem im Leben so vieler Araber aussprach: den palästinensisch-israelischen Konflikt und die Fortdauer des israelischen Besatzung.

Wie es gestern ein Kairoer Bürger ausdrückte, glauben die Araber jetzt, daß Amerika versucht, "den einen Mann, der bereit ist, die Wahrheit zu sagen, zu töten".

Arabische Zivilisten, die sich normalerweise ungern zu erkennen geben, wenn ihre Ansicht der ihrer Regierung widerspricht, äußern ihren Ärger jetzt freimütiger. "Sie sagen, daß ihr Ziel Bin Laden ist", sagte Samar al-Naji in Jordanien. "Sie bekämpfen unschuldige Leute in Afghanistan, die nichts mit Terrorismus tun haben". "Sie bekämpfen Moslems, während sie die Taten von Israel, dem Terroristenstaat, der palästinensische Häuser vernichtet und Frauen und Kinder tötet, ignorieren." Herr al-Naji ist nur ein Bankangestellter, mit 29 kaum ein erfahrener Politiker.

An den Ain Shams Universität in Kairo wurden Gebete für die Toten von Afghanistan abgehalten, und in die Nildeltastadt Zagazig kamen Studenten zum Kern des Problems aller prowestlichen Araber-Regimes: "Unsere Herrscher, warum seid ihr still?" sangen sie. "Habt ihr einen Befehl aus Amerika?" dies ist natürlich Unsinn. Herrscher der, die wir "gemäßigte" arabische Staaten nennen, brauchen keine Befehle, um den Westen diskret zu unterstützen. Und schließlich verlangt Herr bin Laden ihren eigenen Sturz.

Nur in den freieren arabischen Länder können Minister sagen, was sie denken. Der libanesische Informations-Minister Ghazi Aridi hält das Videoband des Herrn Bin Laden für "einen Geniestreich". Es gab, sagte er, "eine internationale Jagd gegen eine Person. Wenn er getötet wird, wird er ein Symbol und wenn er überlebt er wird ein stärkeres Symbol ".

Am Golf sind Gefühle sehr zerbrechlich. "Schauen Sie, ich kenne alte Frauen, die bis spät in die Nacht Gebete für Herrn Bin Laden sprechen," sagt ein saudischer Journalist. "Seine Auftritt im Fernsehen war sehr gute Public Relations für ihn, besonders wenn er über Palästina redete. In der Öffentlichkeit loben ihn die Leute nicht; es hat keinen Kommentar in den Moscheen gegeben, aber privat reden sie alle über ihn".

Der saudische Herausgeber Jamal Kashoggi bestand darauf, daß viele Saudis gegenüber Herrn Bin Laden viel kritischer wären - daß sie glauben, daß er den Islam diffamiere - und daß  sie das Geschehen in Afghanistan weniger pessimistisch sähen. "Kandahar erhält ebenso Unterstützung von der Monarchie wie auch die Taliban," sagte er. "Die Afghanen, die von den anti-russischen Mudjahedin enttäuscht wurden und sich dem Taliban zuwandten, sind jetzt enttäuscht von den Taliban und könnten ein royalistisches Comeback akzeptieren." Aber diese Ansicht, die höchstwahrscheinlich mit Saudi-Arabiens königlicher Familie übereinstimmt, kann eine minderheitliche sein.

In Ländern, die einen "Terrorismus" erdulden mußten, der viel mehr Leiden und Tod brachte, als das Verbrechen gegen die Menschheit in New York und Washington, ist die von Präsidenten Bush verwendete Sprache eine Ursache großen Ärgers gewesen.

"Ich bin es leid, von Terrorismus, Terrorismus, Terrorismus zu hören," schrie mich ein bedeutender libanesischer Bau-Manager an. "Wenn Sie Feinde haben, sind sie 'Terroristen' oder 'Irre' oder 'Übeltäter'. Wenn wir Feinde haben, werden wir darum gebeten, Kompromisse mit ihnen zu schließen. Sie haben Bin Laden. Wir haben  Sharon - der Ihr Freund ist, und dessen Hand Herr Bush schüttelt."

Viele Libanesen glauben, daß Israels Premierminister Ariel Sharon als Kriegs-Verbrecher angeklagt werden sollte für seine Rolle bei den Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Chatila von 1982, bei welchen bis zu 1.800 Zivilisten - fast halb soviele Opfer wie am 11. September in Amerika - in drei Tagen von der mit Israel verbündeten christlichen Miliz getötet wurden, während Israels Armee am Rand der Lager wachte.

Stephen R. Shalom:
    Die Vereinigten Staaten und Naher Osten - Warum hassen "sie" uns?
                              (überarbeitet 22. Sept 2001)

Die folgende Liste führt einige bedeutsame Ereignisse der US-Politik im Nahen Osten auf. Die Liste läßt einen Teil der Anklagen gegen die Vereinigten Staaten in der Region außer acht, weil sie langjährige Politiken, wie die US-Unterstützung für autoritäre Regimes (Bewaffnung Saudi-Arabiens, Ausbildung der Geheimpolizei im Iran unter dem Schah, Waffenlieferung und Hilfe für die Türkei bei deren rücksichtslosen Angriffen gegen kurdische Dörfer usw.) nicht berücksichtigt. Auch berücksichtigt die Liste nicht viele Aktionen Israels, in welche die Vereinigten Staaten indirekt wegen ihrer militärischen, diplomatischen und ökonomischen Rückendeckung Israels verwickelt sind.
Ob einige dieser Klagen jene tatsächlich motivierten, die die entsetzlichen und durch nichts zu rechtfertigenden Angriffe vom 11. September organisierten, ist unbekannt. Aber die Klagen halfen bestimmt, eine Umgebung zu schaffen, die den antiamerikanischen Terrorismus züchtete.

1948: Gründung Israels. USA lehnt es ab Israel zu zwingen, ausgewiesenen Palästinensern die Rückkehr zu erlauben.
1949: CIA unterstützt militärischen Coup, der die gewählte Regierung von Syrien absetzt.
1953: CIA hilft, die demokratisch gewählte Mossadeq-Regierung im Iran zu stürzen, (sie hatte die britische Ölgesellschaft verstaatlicht) was zu einem Vierteljahrhundert repressiver und diktatorischer Herrschaft durch den Schah Mohammed Reza Pahlevi führte.
1956: USA stoppen die versprochene Finanzierung des Assuanstaudamms in Ägypten, nachdem Ägypten Waffen aus dem Ostblock erhält.
1956: Israel, Großbritannien und Frankreich dringen in Ägypten ein. USA unterstützt die Invasion nicht, aber die Beteiligung seiner NATO-Verbündeten schadet Washingtons Ruf in der Region sehr.
1958: US-Truppen landen im Libanon, um die "Stabilität" zu wahren.
frühe 1960er: erfolgloses Attentat der USA auf den irakischen Führer Abdul Karim Qassim.
1963: USA übermitteln der irakische Baath Partei (die bald von Saddam Hussein geführt wird) die Namen von Kommunisten, um sie zu töten.
1967-: USA blockiert jede Anstrengung im Sicherheitsrat, um die Resolution 242 durchzusetzen, die den israelischen Rückzug aus 1967 eingenommenen Gebieten fordert.
1970: Bürgerkrieg zwischen Jordanien und der PLO. Israel und USA planen, auf der Seite von Jordanien einzugreifen, wenn Syrien die PLO unterstützt.
1972: USA blockiert die Versuche des ägyptischen Führers Anwar Sadat, eine Friedensvereinbarung mit Israel zu erreichen.
1973: Militärische US-Luftunterstützung ermöglicht Israel, im Krieg mit Syrien und Ägypten zu siegen.
1973-75: USA unterstützt kurdische Rebellen im Irak. Als 1975 der Iran eine Vereinbarung mit dem Irak erreichte und die Grenze schloß, ermordete der Irak die Kurden, und die USA versagten ihnen Zuflucht. Kissinger erklärt im geheimen, diese "verdeckte Aktion sollte nicht mit missionarischer Arbeit verwechselt werden".
1975: USA legt Veto gegen eine Sicherheitsratsresolution ein, die die israelischen Angriffe auf palästinensische Flüchtlingslager im Libanon verurteilt.
1978-79: Iraner beginnen Demonstrationen gegen den Schah. USA sagt dem Schah Unterstützung "ohne Vorbehalt" zu und drängt ihn zu gewaltsamem Handeln. Bis zur letzten Minute versuchen die USA einen militärischen Coup zu organisieren, um den Schah zu retten, aber ohne Erfolg.
1979-88: USA beginnt verdeckte Unterstützung der Mudjahedin in Afghanistan, sechs Monaten vor der sowjetischen Invasion im Dez 1979. Über das nächste Jahrzehnt sorgen die USA für Ausbildung und liefern mehr als 3 Milliarden $ in Waffen und anderer Unterstützung.
1980-88: Iran-Irakischer Krieg. Irak dringt in den Iran ein, die USA sind gegen jedes Bemühen des Sicherheitsrates, die Invasion zu verurteilen. Bald entfernen die USA den Irak aus seiner Liste von Nationen, die den Terrorismus unterstützen, und erlauben US-Waffenlieferungen in den Irak. Zur selben Zeit lassen die USA Israel Waffen in den Iran liefern, und 1985 liefern die USA Waffen direkt (doch insgeheim) in den Iran. USA liefert dem Irak Geheimdienstinformationen.
1984 verwendet der Irak chemische Waffen ; USA stellt die diplomatischen Beziehungen mit dem Irak wieder her.
1987 senden die USA zur Unterstützung des Irak ihre Marine in den Persischen Golf; ein US-Schiff schießt ein iranisches Zivilflugzeug ab und tötet 290 Menschen.
1981, 1986: USA hält Manöver vor der Küste von Libyen in von Libyen beanspruchten Gewässern ab, in der klaren Absicht Gaddafi zu provozieren.
1981 schießt ein libysches Flugzeug eine Rakete ab, dafür werden zwei libysche Flugzeuge abgeschossen.
1986 schießt Libyen Geschosse, die weit ab von jedem Ziel landen, darauf greifen die USA ein lybisches Patrouillienboot an, 72 Menschen werden getötet. Als in einem Berliner Nachtklub ein Bombe hochgeht und zwei Amerikaner tötet, behaupten die USA, daß Gaddafi dahinter stehe (was möglicherweise stimmt) und leiten große Bombardierungen in Libyen ein, Dutzende von Zivilisten einschließlich Gaddafis Adoptivtochter werden getötet.
1982: USA gibt zur israelischen Invasion des Libanon "grünes Licht", etwa 17-tausend Z ivilisten werden getötet. Die USA entschließen sich, nicht ihre Gesetze anzuwenden, die eine israelische Verwendung von US-Waffen außer zur Selbstverteidigung verbieten. Die USA legten Veto gegen mehrere Resolutionen des Sicherheitsrat ein, die die Invasion verurteilen.
1983: Sendung von US-Truppen als Teil einer multinationalen Friedensmacht im Libanon, die auf einer Seite des Bürgerkriegs eingreifen, einschließlich Beschießung durch USS New Jersey. Rückzug nach Selbstmordbombenangriff auf Marinelager.
1984: US-unterstützte Rebellen in Afghanistan schießen auf Zivilflugzeug.
1987-92: US-Waffen werden von Israel verwendet um die erste palästinensische Intifada zu unterdrücken. USA legt Veto gegen fünf Sicherheitsratsresolution ein, die die israelische Unterdrückung verurteilen.
1988: Saddam Hussein tötet viele Tausende seiner eigenen kurdischen Bevölkerung und verwendet chemische Waffen gegen sie. USA baut ihre ökonomischen Beziehungen zum Irak aus.
1988: USA legt Veto gegen 3 Sicherheitsratsresolutionen ein, die die andauernde israelische Besatzung und die Unterdrückung im Libanon verurteilen,
1990-91: USA weist jede diplomatische Beilegung der irakischen Invasion von Kuwait zurück. USA führt eine internationale Koalition in den Krieg gegen Irak. Zivile Infrastruktur wird angegriffen. Um für "Stabilität" zu sorgen, weigern sich die USA, Nachkriegsunruhen der Schiiten im Süden und Kurden im Norden zu unterstützen, verhindern den Zugang der Rebellen zu den erbeuteten irakischen Waffen und weigern sich, irakische Hubschrauberflüge zu verbieten.
1991-: Verheerende Wirtschaftssanktionen sind dem Irak auferlegt. USA und Großbritannien blockieren alle Versuche, sie aufzuheben. Hunderttausende sterben. Obwohl der Sicherheitsrat zugesagt hatte, daß die Sanktionen aufgehoben würden, wenn Saddam Husseins Programme zur Entwicklung von Waffen zur Massenvernichtung beendet wären, fordert Washington, daß die Sanktionen solange in Kraft bleiben, wie Saddam Hussein an der Macht ist. In der Tat stärken die Sanktionen Saddams Position. Gefragt nach den horrende menschliche Folgen der Sanktionen, erklärte Madeleine Albright, daß "der Preis es wert ist".
1993-: USA schießt Missiles auf den Irak unter Berufung auf das Recht zur Selbstverteidigung wegen eines angeblichen Attentatsversuchs auf Präsident Bush zwei Monate zuvor.
1998: USA und England bombardieren den Irak wegen Waffeninspektionen, obwohl der Sicherheitsrat sich gerade trifft, um die Angelegenheit zu erörtern.
1998: USA zerstört eine Fabrik, die die Hälfte der pharmazeutischen Versorgung des Sudans produziert, als Vergeltung für Angriffe auf US-Botschaften in Tansania und Kenia, und behauptet, diese Fabrik diene der chemischen Kriegsführung. Später gibt die USA zu, keine Beweise für deren chemische Kriegsführung zu haben.
2000-: Israel verwendet US-Waffen bei dem Versuch, einen palästinensischen Aufstand zu unterdrücken, und tötet Hunderte von Zivilisten.
 

            Tariq Ali: Bomben, Zurückschlagen, und die Zukunft

Die letzten drei Wochen haben Pakistan's Militärmachthaber versucht, die Taliban davon zu überzeugen Osama Bin Laden auszuliefern um eine sich abzeichnende Kastastrophe zu vermeiden. Erfolglos. Da Ossama der Schwiegersohn von Mullah Omar, dem Führer der Taliban ist, war dies kaum überraschend. Die interessantere Frage ist, ob Pakistan nach Abzug seiner eigenen Soldaten, Beamten und Piloten aus Afghanistan es erreicht, die Taliban zu spalten und ihnen jene Bereiche zu entziehen, von deren Schutz sie völlig abhängen. Dies wäre ein Schlüssel für das Militärregime gewesen, seinen Einfluß in einer künftigen Koalitionsregierung in Kabul zu erhalten. Die Beziehungen zwischen Pakistan und den Taliban sind in diesem Jahr gespannt gewesen. Im Bemühen die Freundschaft zu festigen, hat Pakistan vor sechs Monaten eine Fußballmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Afghanistan geschickt. Als die zwei Mannschaften einander im Stadion in Kabul gegenüberstanden, kamen Sicherheitskräfte und verkündeten, daß die pakistanischen Fußballspieler "unanständig" gekleidet wären. Sie trugen Fußballshorts, während die afghanische Mannschaft lange Hosen bis gut unterhalb der Knie trugen. Vielleicht meinten sie, daß die schwankenden Oberschenkel der Pakistanis einen Aufruhr in dem rein männlichen Publikum verursachen könnten. Wer weiß? Das pakistanische Team wurde festgenommen, ihre Köpfe wurden rasiert, und sie wurden öffentlich ausgepeitscht, während das Stadionspublikum gezwungen wurde Verse aus dem Koran zu singen. Dies war Mullah Omars Art mit der pakistanischen Armee umzugehen.

Die Bombenangriffe der Vereinigten Staaten und seiner loyalen britischen Verbündeten auf Kabul und Kandahar hat die Kampfstärke der Taliban-minus-die pakistanische Gruppe plus Bin Ladens Spezialbrigade, die ausschließlich aus Arabern seines internationalen Jihad besteht, nicht beeinträchtigt. Die gemeinsamen Kräfte sollen jetzt aus 20-25,000 erfahrenen Veteranen bestehen. Nichtsdestoweniger sind die Taliban eingeschlossen und isoliert.
Ihre Niederlage ist unvermeidlich. Sowohl Pakistan wie der Iran halten zwei wichtige Grenzen gegen sie. Es ist unwahrscheinlich, daß sie mehr als einige Wochen durchhalten. Offensichtlich gehen einige ihrer Kräfte in die Berge und warten, bis der Westen sich zurückzieht, bevor sie das neue Regime angreifen, das wahrscheinlich in Kabul mit dem achtzigjährigen König Zahir Schah installiert werden wird, der von seiner komfortablen römischen Villa in die weniger gesunde Umgebung der Trümmer von Kabul umziehen wird, wo das Hotel Interkontinental das einzige unbeschädigte Gebäude ist.

Die vom Westen unterstützte Nordallianz ist geringfügig weniger religiös als die Taliban, aber ihre Ansichten sind genauso bodenlos. Während des letzten Jahres haben sie den Heroinhandel in großem Stil übernommen, ein Spott über Blairs Behauptung, daß dieser Krieg auch ein Krieg gegen Drogen wäre. Die Ansicht, daß sie einen Fortschrit gegenüber den Taliban darstellen, ist lachhaft. Ihr erster Instinkt wird Rache gegen ihre Gegner sein. Allerdings ist das Bündnis in den letzten Tagen durch den Abfall von Gulbudin Hekmatiar geschwächt worden, den einst vom Westen bevorzugten "Freiheitskämpfer", der von Reagan und Thatcher im Weißen Haus und Downing Street empfangen wurde. Dieser Mann hat jetzt beschlossen die Taliban gegen die Ungläubigen zu unterstützen. Die Aufrechterhaltung eines neuen Schützlingsstaates in Afghanistan wird keine leichte Angelegenheit sein in Anbetracht lokaler und regionaler Rivalitäten.

Eine größere Sorge ist, daß die Taliban, in die Enge getrieben und in ihrem eigenen Land besiegt, sich nach Pakistan wenden und dort Chaos in den Städten und sozialen Strukturen anrichten. Peshawar, Quetta und Karachi sind besonders verwundbar. Bis dahin stellt sich der Westen, der einen "Sieg" erzielt hat, blind wie üblich. Bezüglich des vermutlichen Ziels dieser Operation - der Gefangennahme Osama Bin Ladens - könnte es sein, daß dies weniger leicht ist, als es scheint. Er ist gut geschützt im entfernten Pamir, und da er drei Wochen Zeit gehabt hat seine Pläne aushecken, könnte er gut untertauchen. Aber der Sieg wird immer noch verkündet. Der Westen verläßt sich auf das kurze Gedächtnis seiner Bürger. Aber lassen Sie uns sogar annehmen, daß Bin Laden gefangen und getötet wird. Wie soll das dem "Krieg gegen Terrorismus" dienen? Andere Personen werden beschließen, die Ereignisse vom 11. September auf andere Art nachzuahmen. Viel gefährlicher wird sein, daß sich der Schauplatz in den Nahen Osten verschiebt.

In Saudi-Arabien sind heftig Kämpfe zwischen Gruppierungen innerhalb der königlichen Familie im Gange. Der sterbende König Fahd und sein Gefolge verließen das Land in drei großen Flugzeugen nach der Schweiz, offensichtlich um eine Palastrevolte zu vermeiden. Zurückgeblieben ist Kronprinz Abdullah als Verantwortlicher und sein geschwächter Hauptrivale Prinz Sultan. Saudiologen bestehen darauf, daß der Kronprinz den wahhabitischen Geistlichen nahesteht. Selbst wenn das der Fall ist, wird er einer wütenden Öffentlichkeit gegenüberstehen. Dasselbe gilt für Hosni Mubarak in Ägypten, er hält Abstand von der NATO und besteht darauf, daß seine Trupps nicht eingesetzt werden. Die Öffentlichkeit in Kairo ist sehr wütend. Wenn es Gewaltausbrüche in diesen zwei Ländern gibt, könnte Washington keine andre Wahl haben, als die Schaffung eines unabhängigen palästinensischen Staats durchzudrücken. Es ist jedoch zu früh, die Folgen des 11. September aufzuzeigen.

                            Tariq Ali: Fragen und Antworten

Wie läßt sich die Entwicklung Afghanistans seit der sowjetischen Invasion und dem Sieg der Talibans analysieren?

Das PDPA ( - Peoples Democratic Party of Afghanistan - afghanische kommunistische Partei), welche eine starke Basis in der Armee und in der Luftwaffe hatte, machte 1978 einen Staatsstreich und stürzte das korrupten Regime von Daoud. Das Volk begrüßte die Änderung. Die PDPA war anfangs beliebt. Sie versprach wichtige soziale Reformen und Demokratie. Aber das letztere Versprechen wurde nie eingehalten, obwohl wichtige Bildungsreformen durchgedrückt wurden, wie kostenlose Bildung und Schulen für Mädchen. In den Städten begannen Mädchen und Jungen dieselben Schulen zu besuchen. Die Medizinische Versorgung war auch verbessert worden, außer daß ein bitterer Parteienkampf geführt wurde, der zum Sieg einer von Hafizullah Amin geführten Pol-Pot-Fraktion führte, der eine Kampagne massiver Unterdrückung begann. Inzwischen entschieden sich die Vereinigten Staaten das Regime durch Bewaffnung der ultra-religiösen Stämme zu destabilisieren, unter Verwendung der Pakistanischen Armee als Verbindungsglied, um den religiösen Extremisten zu helfen. Die Amerikaner legten eine Bärenfalle, und die sowjetische Führung fiel hinein. Sie sandten die rote Armee, Amin zu kippen und das PDPA-Regime durch Gewalt aufrechtzuerhalten. Dies verschlimmerte die Krise, und die Vereinigten Staaten riefen zu einem Jihad gegen den Kommunismus auf. Die pakistanischen Militärs dachten, daß es dem Jihad helfen würde, wenn ein saudischer Prinz käme um den Kampf anzuführen, aber von der Seite gab es keine Freiwilligen. Stattdessen schlug das saudische Regime dem CIA Osama Bin Laden vor. Er wurde genehmigt, rekrutiert, ausgebildet und nach Afghanistan geschickt, wo er gut kämpfte. In einem Fall führte Bin Laden seine Männer zu einem Angriff auf eine gemischte Schule (Jungen und Mädchen) und tötete alle Lehrer. Die USA beobachteten dies mit Anerkennung. Der Rest ist Geschichte. Die Sowjetunion wurde besiegt und zog 1989 ihre Kräfte ab. Ein Bürgerkrieg folgte und eine Koalitionsregierung aus Kräften, die gegenüber dem Iran loyal war, Tadschikistan und Pakistan gewannen an Einfluß. Instabilität herrschte. Dann schickte Pakistan die Taliban (Studenten), die mit offener Unterstützung der pakistanischen Armee in speziellen Priesterseminaren zum Kampf trainiert worden waren. Kabul wurde erobert, und das Regime allmählich über den Rest des Landes ausgeweitet. Amerikanische Think-Tanks redeten bis vor einigen Monaten davon, die Taliban zu verwenden, um die zentralasiatischen Republiken weiter zu destabilisieren! Jetzt führen die USA und Pakistan Krieg, um ein Regime zu kippen, das sie schufen. Wer sagte, diese Geschichte hatte aufgehört, ironisch zu sein?

Was zeichnet den Islamismus der Taliban besonders aus?

Es ist eine virulente, sektiererische, ultra-puritanische Lehre, stark vom Wahhabismus, der offiziellen Staatsreligion Saudi-Arabiens, beeinflußt. Es waren saudische religiöse Ausbilder, die die Taliban trainierten. Sie glauben an einen permanenten Jihad gegen Ungläubige und andere Moslems (besonders die Schiiten). Bin Laden ist auch ein standhafter Wahhabit. Sie wollen zurück zu etwas, das der Islam nach ihrer Vorstellung im 7. Jahrhundert unter der Führung von Mohammed war. Was sie nicht verstehen ist, daß Mohammed ein sehr flexibler Propheten-Politiker war, wie Maxime Rodinson in seiner ausgezeichneten Biographie erklärt.

Was war das strategische Ziel der Vereinigten Staaten, als sie sich auf den schlimmsten Hardliner-Flügel des islamischen Widerstand gegen die UdSSR stützten, und allgemein auf Gruppen wie die von bin Laden in der arabisch-moslemischen Welt?

Überall im kalten Krieg verwendeten die Vereinigten Staaten den Islam als ein Bollwerk gegen Kommunismus und Revolution. Das geschah überall in der islamischen Welt, nicht nur in Südasien. Also können wir sagen, daß der Islamismus, wie wir ihn kennen, ein Produkt von Imperialismus und Moderne ist.

Der Schlüssel zu dem, was in der Region geschieht, ist Pakistan. Welche Art von Regime ist es, was sind seine Ziele, und in welchen Widersprüchen befindet es sich?

Es ist ein Militärregime, aber kein Bösartiges wie sein Vorgänger. Es ist ein Regime, das den Neoliberalismus in Pakistan beaufsichtigen will. Die Armee ist natürlich geteilt, aber die genaue Stärke von Pro-Taliban-Strömungen in der Armee ist strittig. Es könnten zwischen 15-30 Prozent sein. Die Islamisten sind in der pakistanischen Gesellschaft insgesamt sehr schwach. Es ist wichtig, dieses Tatsache zu verstehen. In aufeinanderfolgenden Wahlen haben weniger Menschen für Fanatismus in Pakistan gestimmt, als in Israel. Darum beschlossen die pakistanischen Taliban, ihre Position in der Armee zu stärken. Wenn die Vereinigten Staaten zu viel Blut in Afghanistan verschütten, könnte das im Laufe eines Jahres innerhalb der Pakistanischen Armee schreckliche Folgen haben.

Im Moment scheint Präsidenten Musharraf sich neben sie USA stellen zu wollen. Ist es möglich, daß Pakistan eine logistische Unterstützung für eine amerikanische Intervention in Aghanistan wäre?

Pakistan hat zugestimmt logistische Unterstützung zu geben. In der Tat ist die Pakistanische Armee für die ganze Operation notwendig. Die US-Flugzeuge und Truppen werden in der Gwadur-Basis in Baluchistan stationiert, die während des kalten Krieges gebaut wurde. Vergessen Sie nicht, daß Pakistan von 1954-1992 Verbündeter der USA im Kalten Krieg war. Beide Seiten kennen einander gut. Die pakistanische Elite ist erfreut, daß die Schulden des Landes (36 Milliarden Dollar) erlassen wurden, und mehr Geld zugesichert worden ist. Dafür sind sie bereit, die Taliban besiegt und entwaffnet zu sehen. Die Schwierigkeiten beginnen, wenn zu viele bärtige Männer getötet werden. Nach meiner Meinung ist ein Grund für die Verzögerung des Angriffs, daß die Pakistanische Armee sich vergewissern will, daß die Taliban den Vereinigten Staaten keinen Widerstand leisten. Der Rat, der den Gläubigen gegeben wird, ist: rasiert eure Bärte und haltet euer Pulver trocken. Der Westen geht weg und dann sehen wir. Islamabad verabscheut die Nordallianz, die mit Hilfe der Taliban besiegt wurde, als Kabul fiel. Ich kann nicht deutlich genug betonen, daß die Taliban von Pakistan auf jede Weise aufrechterhalten werden. Was eingeschaltet wird, kann auch ausgeschaltet werden. Das Problem für Pakistan ist, daß ein Flügel der Taliban zu Bin Laden und seinen Prätorianer-Garden arabischer anarcho-Islamisten überlief. Diese Typen schlagen wahrscheinlich zurück, wie immer die Chancen stehen.

Wenn der Konflikt regional wird, welche Auswirkungen würde dies auf der Situation in der Region und die Einstellung von Ländern wie Indien, China und Rußland haben ?

Alle drei Länder sind begeistert vom 'Krieg gegen Terrorismus'. Sie sind jetzt alle Amerikaner! Indien möchte die Opposition in Kaschmir aufreiben. Das türkische Militär will eine Endlösung des 'Kurdenproblems'. Putin hat Tschetschenien schon zerstört. China hat grünes Licht, um zu tun, was es will. So paßt es ihnen allen, aber viel hängt davon ab, wie dieses Abenteuer endet. Erleben wir noch einen neuen Aufschwung der US-Welthegemonie, oder ist das Imperium im Begriff, sich zu Tode zu triumphieren?

Foto von der Mahnwache in Soest, Samstag 13.10.2001