Sommerutopie Stemwede? (Zwischenbericht)
Das Umsonst und Draußen Festival Stemwede hat schon länger einen zweifelhaften Ruf - tja ... dem Alkohol wohnt ein anarchischer Geist inne, und der zeigt dem neoliberal lackierten Globalkapitalismus hier in der doch nicht so zurückgebliebenen Provinz seine böse Kehrseite - man weiß nicht, ob man das exzessive Abkotzen schlimm oder ermutigend finden soll - letzteres im Sinn von: hey, ein Rest von vereinzeltem Protest ist immer noch möglich, und wenn es die Selbstzerstörung ist! Zum Thema Selbstdestruktion ließe sich einiges finden, Mutigeres als Ex + Alk, Subtileres wie Kühlschrank-Kannibalismus, Herzerdrückendes wie die Klinge am Handgelenk, Konsequentes wie Schlafes Bruder, Intelligentes wie Jean Amery's Hand an sich legen oder Dostojewskis Dämonen, aber was sind das für Dämonen, die in Stemwede über den Acker kesseln, Strohballen abfackeln und dem nur aus ehrenamtlichen Mitgliedern bestehenden Orga-Verein einen mehrere tausend Mark teuren Feuerwehreinsatz bescheren? Was sind das für Dämonen, die sich in Gestalt linker Punks und rechter Rußlanddeutscher verprügeln, oder die Neonazis aus dem nahen Osnabrück mit einschlägig (Antifabüro) bekannten Kennzeichen? Wollen die alle zusammen Spaß haben? Oder jeder auf Kosten des anderen? Oder ist das gar ein expressionistisches Gesamtkunstwerk, wo das Elend von 2001 zum Himmel schreit? (Als überzeugter Expressionist leide ich stets in solchen Gesamtkunstwerken mit, was schon mancher mit Verwunderung feststellen konnte, nicht wahr?)
Apropos Kunst, ich hatte
die Idee, durch eine Verschönerung des Festivalplatzes, durch ein
kleines Zeltdorf mit Künstlerprojekten in der so sehr auf Konsum,
Egotrips und Alk reduzierten Festivalatmosphäre gemeinschaftsbildend
zu wirken und durch verschiedene Anregungen zu eigener schöpferischer
Tätigkeit und überhaupt zu etwas Besserem zu inspirieren. Zu
dem Zweck habe ich Gleichgesinnte gesucht, die in einer sinnvollen Mischung
von Ständen einen modellhaften Platz gestalten könnten. Diese
ganze utopieangehauchte Festivalkultur projiziert in mir ein expressionistisches
Glücks- und Elendsbild, einerseits die so massenhafte, bunte, phantasievolle
und mit soviel Hingabe gesuchte Wochenendutopie, die Radikalität solcher
Ausbrüche und Fluchten, die enorme Vielfalt von Menschentypen, die
Offenheit im Aufeinanderzugehen, die Neugier auf Neues, die Vertrauensbereitschaft
gegenüber Fremden und andrerseits, als könne eine gute Idee und
überhaupt das Positive nur durch sein Gegenteil bestehen: das abstoßende,
exzessive sich Besaufen, Ausrasten, sich Zerstören, die Aggressivität
und zugleich Gleichgültigkeit gegenüber anderen.
Tot ist er nicht, aber kann
man das Leben nennen?
Jule in der Veganküche - lächelnd überzeugen
Vom Kulturellen her gesehen ist der Bühnenzentralismus, die Egomanie der erfolgs- und autoritätsfixierten Künstler und neuerdings sogar der Starkult um die DJs die Ursache der Entfremdung. Deshalb möchte ich das Künstlerprojekt auf der Wiese mitten unter die Leuten bringen um Gleichberechtigung und Demokratie im Kleinen zu demonstrieren, wobei die Veganküche genauso wichtig für das gemeinsame Gelingen ist wie eine künstlerische Darbietung, niemand steht im Mittelpunkt, sondern alle tragen zu dem gemeinschaftlichen Modell im Kleinen bei - etwa wie die von den Besuchern gemalten Bilder gleichberechtigt neben denen der Künstler hängen! Tatsächlich, wie ich es vermutet hatte, sammeln sich in unserm Künstlerdorf die freundlichen und hilfsbereiten Menschen, übernehmen Aufgaben, beteiligen sich an Workshops, lächeln und verbreiten gute Stimmung. Demnach scheint es außer denen, die nur die neoliberale Sau rauslassen wollen, noch eine andere Sorte Menschen zu geben, und sogar in ausgewogener Anzahl auf jedem Festival (möglicherweise in jeder egal wie abgemischten Population): die sozial eingestellten, hilfreichen, mitleidsfähigen, liebesfähigen Altruisten. Können sie - können wir die Egoisten und Weltverächter, die das Recht sich selbst mit Alk umzubringen für den höchsten Beweis ihrer Freiheit halten, vor sich selbst retten?
Leute, ich bin nicht blind und nicht taub: ich sehe daß die, die sich am bösesten verhalten, die nicht an Liebe und Gemeinschaft und gegenseitige Hilfe glauben, die sind am kaputtesten, die schlagen sich blutig, denn ihre Freiheit heißt Destruktion, womit sie zwar ab und zu auch andere treffen, aber primär doch sich selbst. Es gibt keinen Grund und keine Logik an den Erfolg der Egokultur zu glauben, auch wenn das aus allen Medien und von den Rockmusik-Bühnen geschrien wird. Egoismus tötet vor allem sich selbst, nur in Gemeinschaft können wir leben, und das heißt für heute: in einem postmodernen, individualistischen Cybertribe, der sich in seiner inneren Architektur wohltuend von der traditionellen, fremdbestimmten Gesellschaft unterscheidet.
... Demokratie in Stemwede?
Ohja! Es gab sogar eine Protestaktion gegen die Veranstalter, und der Autor
dieses Textes sympathisiert mit dem Rebellen Thomas Schuh, dessen Holzbauwerk
wegen Verletzungsgefahr verboten wurde. Folgendes dokumentiere ich in der
Hoffnung auf spätere Einsicht. Thomas: "Ich finds einfach schrecklich,
und das hier auf so einer Veranstaltung, wo die Leute innerhalb von wenigen
Stunden Bier und Drogen in unglaublichen Massen konsumieren und auch unheimlich
viel Geld über die Theke geht, und daß dann bei den Veranstaltern
und Eltern nicht die paar Mark für die Betreuung und Animation der
Kinder da sind, womit wir das wieder ausgleichen wollen, was durch die
Drogen kaputt gemacht wird. Und dann kommen sogar noch Verbote, man kriegt
nicht nur nichts dafür, man arbeitet auch noch gegen die Widerstände:
dies ist nicht erlaubt, jenes ist nicht erlaubt, die Security kommt und
verbietet einem ein Karussell aufzubauen. Ich persönlich habe schon
den Veranstaltern etwas zu sagen: es ist doch ganz klar, daß die
Stände nicht nur am Verkauf der Lebensmittel verdienen, sondern auch
an den Drogen. Dann sollte wenigstens ein bißchen Geld zurückkommen,
daß der Veranstalter denen beim Alkohol ein Prozent abzieht für
die Künstler und Projekte, die das was sie mit den Drogen kaputtmachen
ein bißchen abfangen, die Kinderarbeit machen und natürlich
auch die Erwachsenen werden wir einbeziehen. Das wär ne Sache, da
steh ich voll hinter, ich hab das schon öfter auf Veranstaltungen
gemacht, ich mach das im Prinzip sei 1990. Darum geht es doch, daß
da keine Wasserpfeifen rumstehen, und daß die Besoffenen rumtorkeln
und die ganz Durchgeknallten sich irgendwo abhängen - kuck mal, genau
hinter dem Karussell ist so ein illegaler Bierstand für Becks Bier,
der darf die Drogen kistenweise verkaufen."
Holzbauwerker Thomas und
Helfer
Die Ruine des umstrittenen Karussells, auf dem Protestplakat steht:
Dieses Kunstwerk wurde baubehördlich verboten!!!!!
Das Karussell konnte und durfte nicht zu Ende gebaut werden
Während Thomas so schimpft,
sehen wir, wie die Security mit denen vom Bierauto verhandelt und offenbar
Geld kassiert. Thomas lacht bitter, "erst hier die Drogenarbeit verbieten,
und dann dort abkassieren! Wir wollten hier eine Ruhezone anbieten, wir
haben Künstler die Jonglage machen, Bodypainting, Mandalas malen und
viele andere Sachen..." unterdessen kommt Bernd, der zweite Vorsitzende
des Veranstaltervereins, dem zugleich die Wiese gehört, zurück,
und Thomas redet sich weiter in Zorn.
Bernd: "Ich dulde auf meiner
Wiese keine fliegenden Objekte, die Kinder verletzen können, ich halte
das Objekt an sich für gut, das Problem ist nur, es gibt dafür
keine TÜV-Vorschriften, keine Bauart-Vorschriften und keine Zeichnungen."
Thomas: " Ich bin doch kein
Arsch, ich bau doch nicht irgendwas hier auf, und dann darf ich es wieder
einreißen, was wollt ihr eigentlich? Die Leute nur mit Drogen vollpumpen?"
Aber Bernd zieht sich auf
seine Position als Vorstand zurück, und er könne es nicht zulassen,
daß so ein gefährliches Objekt hier gebaut werde - während
Thomas genau das tut, was er eben kritisiert hat, er holt sich eine Dose
Bier, und jeder versteht das.
Bekanntlich soll man beim
Schreiben vor allem das Negative aufzeigen und kritisieren, denn wenn ich
hier ausgiebig über Utopie und Ästhetik schriebe, würden
vor Wohlgefallen alle einschlafen, oder? und das möchte ich nicht,
da war nämlich noch so eine schurkische Geschichte, die sicher jeden
empört, und wenn erstmal genug Leute davon wissen, bestünde ja
die Chance zB schon in Vlotho daraus zu lernen oder jedenfalls bei der
Diskussion am Sonntag im Zirkuszelt in Vlotho zügig zu neuen Perspektiven
zu kommen.
Als Zufallsgast befand sich
Ronny Haklay (www.art-smart.com) im Künstlerdorf, Ronny: "noch nie
haben die Leute auf den Festivals meine Bilder geklaut, aber hier in einer
Nacht wurden fünf Bilder geklaut, I can't understand why people come
to enjoy this painting, and then they stole five pictures" - in den Nächten
standen wahre Menschentrauben um ihn herum, wenn er im Schwarzlicht mit
fluoreszierenden Farben malte. "I'm not used to this kind of parties."
Dazu Andreas: "Ja, die klauen
hier wie die Raben, wir schützen unsere Anlage schon mit drei Meter
hohen Bauzäunen, und trotzdem haben in der Nacht ein paar Verrückte
die Stromversorgung mit einer Axt einfach durchgehackt. Ein Wunder, daß
ihnen nichts passierte ist, das war eine lebensgefährliche Aktion!
Hier muß man sich echt einigeln, am besten noch Stacheldraht oben
drüber, schlimm ist das hier. aber das ist erst so geworden, früher
war das nicht so. "
Auch beim Bücherinfostand
haben sie diesmal eine Menge Bücher geklaut, es geht ja noch, wenn
sie fragen, ob die ganzen Bücher umsonst wären, obwohl mir rätselhaft
ist, wie die darauf kommen, es gäbe irgendeinen anarchistischen Großsponsor
für sowas.
Aber Jule von der Veganküche
sieht das anders, sie gibt den Becher Kaffee für eine Mark aus, sogar
ohne Pfand für die Tasse, und als einer ihr regelrecht zwei Mark Pfand
aufdrängen wollte, habe sie ihn freundlich angelächelt und gesagt,
"nein, laß nur, ich bin sicher, daß du die Tasse zurückbringst,"
und zu mir: "So muß man das machen, ihnen Vertrauen entgegenbringen
und lächeln, dann geben Sie das Vertrauen auch zurück."
Es ist in der Tat erstaunlich,
wie viele Menschen zum Künstlerdorf gekommen sind und sagten, dies
sei endlich mal ein Ruhepol auf dem Festival, morgens zum Müslifrühstück
oder mit Kaffee haben sie sich ins Gras gesetzt, oder des Nachts saßen
sie auf dem Boden, um statt zentralistischer Bühnenkunst eine Session
der Kinder vom Universum und etlicher zufälliger Gäste zu ebener
Erde mitzuerleben oder holten Wasser für Jule, halfen im Atelierzelt,
am Infotisch usw. Das ist die andere Kultur, weg vom Autoritären,
weg vom Überheblichen, hin zum Menschlichen, Individualistischen,
small is beautiful!
Annette, die erste Vorsitzende des Stemweder Vereins: "was mir am meisten Sorgen macht, das sind die Drogen, vor allem Drogen und Alkohol." - "Wieso, ist Alkohol keine Droge?"- darauf geht sie aber nicht ein. "Die Sanitäter sagen, schlimm wird es, wenn sie zwei Sachen zusammen nehmen, Ecstasy und Alkohol oder so, das verträgt der Körper nicht." - "Ja, die Menschen zerstören sich hier, warum machen Sie das? " und ich versuche ihr darzulegen, daß wir lernen müssen, Festivals so zu feiern und zu organisieren, daß sie den Menschen eine positive Perspektive für ihr Leben geben, aber Annette fragt, bei so vielen Menschen auf einem Platz, wie könne das anders gehen? Und was das verbotene Karussell betrifft, haben sie seit Jahren einen Prozeß mit jemand, der in einen Graben gefallen ist und sich verletzt hat, den Veranstaltern wird die Schuld gegeben, daß sie nicht überall die Gefahrenquellen abgesperrt haben, "60000 Mark haben wir schon zahlen müssen, und der Prozeß ist immer noch nicht zu Ende."
Liebe Leute, wir müssen
uns echt fragen, ob wir mit der alten Musik noch etwas neues Soziales schaffen
können, ich meine, manche sehen es ganz anders, daß es nur auf
die Musik für sich ankomme, l'art pour l'art, und es sei auch jedem
seine Sache, wie er sich den Kopf vollhaut - aber nein! augenscheinlich
stoßen die selbstorganisierten Festivals an ihre Grenzen der Machbarkeit,
an die Grenze wo die Leute keine Lust mehr haben weiter zu machen, dann
können wir auch gleich Rock am Ring aufziehen, überall Security
und Zäune, und die Musik und Kultur und das Schöne, was man erleben
wollte, entwickelt sich immer mehr zu einem Sicherheitsproblem (dazu habe
ich und werde einige Veranstalter und Besucher interviewen / zB Kalle,
Burg Herzberg / veröffentliche ich später).
nächtlicher Betrieb
in der Symboglyphen-Werkstatt
Session auf der Wiese, Kinder vom Universum und andere ...
(Atelier-Zelt)
Wie können wir etwas neues Soziales schaffen, das von der Freude an der Gemeinschaft getragen wird, wo das Lächeln die Macht hat, das Gute in den Menschen freizusetzen, wo Anteilnahme, Mitleid und Hilfsbereitschaft statt des neoliberalen Zynismus und Gleichgültigkeit die herrschenden Umgangsformen sind? Statt das menschliche Zusammenleben nur als Sicherheitsproblem anzusehen, wie auch allgemein in der Gesellschaft, wo die Konservativen immer zuerst nach der Polizei schreien, sollte man, wie Ulrich Beck es ausdrückt, jeden Mißbrauch von Freiheit mit noch mehr Freiheit bekämpfen. Unmündigkeit läßt sich nicht mit Gängelung beheben und Drogenmißbrauch nicht mit Verboten, sondern mit Selbstbestimmung. Wir Philanthropen fordern: gebt den Menschen Selbstbestimmung, Freiheit und Lebensqualität! Verachtung und Ächtung allen Ausbeutern unserer Kultur! Keine Gnade mit Pearl Jam, Bayer und Monsanto! Es ist ein Krieg der Alkohol- und Tabak-Konzerne gegen die Gesellschaft und überhaupt der neoliberalen Menschenfresser gegen die menschliche Zivilisation. So wie eigentlich die Banken den Krieg gegen Jugoslawien geführt haben und den Bürgerkrieg in Afrika verschulden, so bedroht die Geldverwertungslogik auch die utopischen Ausbruchsversuche der sommerlichen Festivalkultur. Um die Repression hier wie dort zu verschleiern, wird ein Popanz der Drogenfahndung aufgebaut, wahrscheinlich sind 100 Zivis auf den Parkplätzen unterwegs und filzen die Leute, während sie die Faschos unangetastet lassen, die sogenannte Definitionsmacht der Ordnungsbehörde definiert ein kriminelles Problem, wo in Wirklichkeit ein politisches Problem vorliegt. Ich wundere mich sehr, wie viele Menschen (beispielsweise der uninformierte Gesundheitsdienst) diese repressive Drogenpolitik zumindest argumentativ unterstützen! Es heißt neu zu überlegen, miteinander zu sprechen, die Meinungen auszutauschen, wozu ich hiermit beitragen möchte. Bestimmt kommt es auf jeden einzelnen Festivalbesucher an und am wenigsten auf die Egozentriker, die auf der Bühne ihr Ego feiern wollen um nach der letzten Zugabe schleunigst abzureisen - mit sozialer Verantwortlichkeit hat sowas nichts zu tun.
Stemwede hat für das
Künstlerdorf eine produktive, spannenden Situation geschaffen, wir
bekamen etliche Zusagen zur Mitarbeit, nicht nur für Waldfrieden und
Vlotho, auch fürs nächste Jahr, für das ich als Titel ein
postmodernes Glasperlenspiel ausgedacht habe, also nicht in Hesses kulturpessimistischer
Version, sondern Richtung Pluralismus und Toleranz. Übrigens, wenn
das noch nicht klar ist, das Künstlerdorf soll nicht primär Kunst
sondern Gemeinschaft verbreiten, die Schönheit als Brücke von
Mensch zu Mensch, Punkt! Herrmann