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Das Persönliche ist politisch
politische Zensur - in eigener Sache
Es
geht mir um einen neuen Umgang mit dem Politischen, jede Parteilichkeit,
kollektiver Druck und freundschaftlich getarnter Gruppenzwang muß
aufhören. Wenn das Persönliche für Reibungsverlust bei der
Politik sorgt, ist nicht das Persönliche falsch, dermaßen daß
man nur noch coole politische Beziehungen eingehen soll, sondern das Politische
ist eine Fehlkonstruktion, die dem menschlichen Umgang nicht gerecht wird.
Und
wenn politisch motivierte Freundschaft sich als repressiv erweist, und
zwar keineswegs innerhalb des Parteien- und Sektenwesens, sondern in den
losen, undogmatischen Zusammenhängen (die auch immer weniger werden
und ihre Spontanität verlieren - denn wie alles, was erstarrt, erstarrt
in der Routine undogmatischer Zusammenhänge genauso die Sprache, das
Denken, das was geschrieben wird) dann stelle ich fest, daß ich nicht
bereit bin, mich dem zu beugen. Lasse ich deshalb die Freunde sitzen, oder
bin ich schon sitzengelassen? Aber es geht noch weiter, wenn Außenstehende
sich den Konflikt zunutze machen und in der Wunde herumbohren, "sogar deine
Freunde distanzieren sich von dir", "du stehst ganz allein mit deiner Ansicht",
oder die zweifelhaften Rettungsversuche, mit denen man mich Verlassenen
für Interessen vereinnahmen will, die ich nie gehabt habe, oder mich
unter Androhung weiterer Denunziation gar zwingen will, dies zu tun und
jenes zu lassen.
Dazu
kommentierte Christian Sigrist, das ist eure Schwäche, deshalb erreicht
ihr auch nichts - was ich zugebe und nicht noch einmal erleben möchte.
Aber ich gedenke es nicht zu verhindern, indem ich mich nicht mehr auf
eine Verbindung von Persönlichem und Politischem einlasse, im Gegenteil!
Das Persönliche muß stimmen, nichts Politisches ohne menschliche
Authenzität, nichts ohne innere Übereinstimmung. Gewiß,
das dauernde Engagement, sei es Öffentlichkeitsarbeit, Musik, Demos,
ein Künstlerdorf oder die supergute Skateparade, beginnt irgendwie
dem Zeitlichen zu unterliegen, einem Verlust an Menschen, die sich aus
den Augen verlieren, einem Verlust an Euphorie oder mehr noch Naivität,
mit der die Utopie so nah wie das nächste Erwachen vom Traum aussah.
Trotzdem.
Soweit
mein ganz persönliches Empfinden. Dem vorausgegangen ist, daß
ich seit dem 11. September fast alle künstlerischen Aktivitäten
und auch sonst alles liegengelassen hab, um gegen den westlichen Kulturkampfwahnsinn
zu publizieren. In dem Zusammenhang habe ich in der Zeitung Contraste ein
Interview mit dem Afghanistankenner Christian Sigrist veröffentlicht,
worin ein Satz im Sinne der antideutschen Antifa als antisemitisch verurteilt
wurde - schon das dreifache Anti zeugt von schwacher Begrifflichkeit. Ich
habe das als Pseudodebatte von Analphabeten zurückgewiesen, die sich
nur auf eine Formelsprache, Redensarten und ihren Anti-Jargon verstünden.
"Es ist symptomatisch, daß in dieser Zeit der Bilder und des Fernsehanalphabetismus
das Lesen und Schreiben (zum Beispiel solcher Leserbriefe in Contraste)
zur Verschlagwortung verkommt, das heißt, es werden hauptsächlich
Überschriften, Kurzsätze, Signalwörter und Redensarten wahrgenommen
bzw. wie in diesem Fall geäußert." hatte ich geschrieben.
Daraufhin
hat mich der Chefredakteur der Contraste (nach eigenem Verständnis
nur Endredakteur, im Konfliktfall jedoch tonangeben) öffentlich demontiert.
Sowas ist zwar kein Schreibverbot bzw direkte Zensur, aber es würde
schwer, gegen so ein Chefredakteurverhalten anzuschreiben bzw veröffentlicht
zu werden. ...
...
über die Zensur bei einer andern "undogmatischen Zeitung" möchte
ich nichts
veröffentlichen
...
...
Neu
ist auch nicht, daß der linksintellektuelle Diskurs seit 89 vorbei
ist, und daß ersatzweise Sprüche und ein Markenkult mit schwarzen
Klamotten, Aufnähern und gewissen Accessoires das Erscheinungsbild
der lesefaulen und theoriefeindlichen Restlinken bestimmen. (du kannst
den Satz ja nochmal lesen, bevor du zustimmst) Nur soviel: während
es in den 70er Jahren in fast jeder größeren Stadt einen oder
mehrere selbstorganisierte Buchläden gab - die haben natürlich
Bücher verkauft, und die wurden gelesen! was sonst? - sind davon heute
noch eine handvoll übriggeblieben. Und die einigen zig Infoläden
verkaufen heute so gut wie keine Bücher, haben nie geöffnet,
und die Tür findet man auch nicht.
Von
einer Linken kann man heute also nicht mehr sprechen, und eine Restlinke
ist keine Linke - das Umfeld, aus dem zB Demonstrationen gegen Castortransporte
oder Globalisierung möglich wurden, möchte ich lieber als sympathisch
unverbindlich im Sinne der Postmoderne bezeichnen. Seit 1991 (Hoyerswerda)
wurde die Nichtdiskussion, als sollte auch die theoretische Verbindlichkeit
ausgelöscht werden, von der Zeitschrift Konkret, später auch
von Jungle World und Bahamas, auf antifaschistisch, antideutsch und antiantisemitisch
reduziert. Zwar sind nicht viele zu diesem Minimalkonsens bereit, aber
die wenigen bestimmen in Ermangelung eines Bewegungsdiskurses die Emotionen
jenes Teils der Jugend, die das Rebellionspotential der Gesellschaft ausmacht.
Es wird emotionalisiert statt theoretisiert, was übrigens den motorischen
Neigungen des männlichen Geschlechts entgegenkommt, und bei so wenig
geistigen Anstrengungen wundert es nicht, wenn aus dem Anti-Konglomerat
ein proisraelischer und sogar proamerikanischer Nationalismus und gegenüber
Arabern, besonders Palästinensern, ein neuer Rassismus entsteht (selbstverständlis
ist auch antideutsch rassistisch). Deshalb warf zB. Uri Avnery dem Herausgeber
der Konkret, Gremlitza, Herrenrassenmentalität vor.
Bei
dem neuen Umgang mit dem Politischen, den ich mir wünsche, geht es
um die persönliche Authenzität. Das Individuelle ist immer politisch,
denn daran mißt sich die Freiheit. Auch unter Freunden - grade! Das
Persönliche ist politisch und umgekehrt. Darum habe ich einen hohen
Anspruch an die Ehrlichkeit, daß keine Formelsprache benutzt wird,
kein Bla-Bla-Jargon, kein politischer Krampf, keine Sprachlosigkeit, und
darum schreibe ich oft von mir persönlich oder gebe zB wörtliche
Rede wieder (wie eben Christians Interview). "Ich glaube nicht an unsere
(linke) Intelligenz," mit diesen Worten wandte sich Tschechow gegen Parteienwesen
und Bündelei, "ich glaube an den einzelnen Menschen, ich sehe die
Rettung in Einzelpersönlichkeiten." Tschechows Individualismus ist
heute sehr aktuell.
Die
formalisierte Sprache führt zu Sprach- und Denkverboten, schreiben
darf mans natürlich auch nicht. Ich könnte mich in der Contraste
wahrscheinlich nur noch durchsetzen, wenn ich die persönliche Bloßstellung
akzeptiere, vielleicht andere genauso öffentlich demontiere und jedenfalls
so ein Vorgehen für ganz normal halte. Dadurch akzeptiere ich, daß
wir alle Feinde sind, uns wo es geht, gegenseitig zu Fall bringen und mit
Worten meucheln, daß Politik schmutzig ist und die Menschen schlecht,
daß man um so mehr glänzt, je besser man es verstehen mit Dreck
um sich zu werfen - aber keinesfalls einen Traum von Gemeinschaft, Liebe
und Zukunft für die Menschen zu haben.
Es
heißt ja, schreib nie positiv, du machst dich nur lächerlich,
kritisiere, destruiere, zeig überall das Schlechte, dadurch machst
du dich unangreifbar. Aber ich habe diese Lehre nie befolgt, ich habe zumindest
versucht mir die Naivität der Begeisterung für Musik, fürs
Skaten, für Natur, soziale Utopien, Freundschaft, Literatur zu bewahren
und darüber geschrieben, und das werde ich auch weiter tun. Deshalb
kann ich die autoritären Contraste-Methoden nicht akzeptieren und
... und frag mich grad, ob das vielleicht schon immer so war, ich habs
nur nicht gemerkt, und ich war bloß der Autor für die Witzseiten?
Natürlich
frag ich mich auch das Gegenteil, wieviel guter Wille vielleicht die bewegt,
die solchermaßen zensieren, und ob es nicht besser wäre, denen
die möglicherweise nur Gefahr von mir abwenden und meinen Ruf retten
wollen, zu vertrauen. Irgendwie trau ich mich das aber nicht.
Schließlich
ist es sehr zu wünschen, daß sowohl Graswurzel wie Contraste
mit der von ihnen praktizierten Zensur offen umgehen, damit sowas nicht
wieder vorkommt. Ich möchte mich jedoch nicht dafür einsetzen,
kaputte Beziehungen zu reparieren, ich komme ohne sie aus, ich hab meine
Bücher und die Musik, die mich beschützen.
Herrmann Cropp, Anfang Feb.02
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