Stimmungs-Protokoll
eines Kulturaktivisten, Freitag den ...

Drei Euros sind noch auf dem Konto, aber der Automat gibt sie nicht raus. Und der Tank ist zwar voll, aber der Motor kaputt. Für eine Fahrkarte reicht es nicht, also trampen.

Von dem Dorf, wo der Wagen stehen bleibt, und was am Motor noch zu retten wäre, vor sich hin friert, bekomm ich recht schnell einen Lift. Er will mich sogar nach Münster zum Bahnhof bringen, aber das mit den drei Euros zu sagen, macht keinen guten Eindruck. Glücklicherweise kommt er bei der Autobahnraststätte vorbei, ich muß nur 500 Meter durch den Regenmatsch laufen, wobei die neuen Stiefeln von Aldi sich durch irgendeinen Riß voll Wasser saugen. Etwas feucht komm ich ins Trockene unters Vordach der Raststätte, vielleicht frag ich mal, wer mich mitnimmt nach Osnabrück.

Dabei ist interessant, wie verschieden die Menschen im Vorbeigehen ein Nein auszusprechen imstande sind. Während das Herzliche und Postitive sich stets gleicht, nimmt das Negative immer andere Formen an. Mir drängte sich förmlich die Vorstellung auf, was wohl für ein Privatleben hinter jeder solchen Ablehnung stecken möchte. Jeder schüttelt den Kopf anders, schon die Lippen machen anders ein Nein, etwa daß sie noch vom Essen rund und fettig und introvertiert oder vom Gedanken an das Wetter zusammengepreßt sind. Da kommt das Nein ganz von selbst, als wenn ich was für ihren Streß könnte. Immerhin fahren diese Autos, während die rollende Bücherkiste, mit der ich Kultur verbreiten wollte ... aber damit ist es wohl aus, ich will auch nicht mehr.

Die Reserven sind gründlich erschöpft, es war einfach zuviel in letzter Zeit, und auch die Zensur (siehe andere Webseite) gibt einem nicht grad das Gefühl von Solidarität. Ich bin nicht demoralisiert, aber ich glaub nicht mehr dran. Eigentlich war ich auf dem Weg zu einer Baufirma, um einen Bauwagen fürs Künstlerdorf in diesem Sommer kaufen, nur 20 Euro, und aus Aluminium leicht genug, mit PKW-Führerschein gezogen zu werden. Hab schon geträumt, wie er angemalt wird, und ausgestattet, da paßt nämlich viel rein, zB das Fallschirmzelt und ... nee, war nix. Und Armin hätte mich wohl mit seinem LKW abgeschleppt, aber er liegt krank im Bett. Jetzt ist der Haken vom Reißverschluß abgerissen, es geht weder rauf noch runter, und ich werde durchlüftet. Aber kleine Mißgeschicke haben etwas Versöhnliches - es hätte ganz anders kommen können, wie so oft in den letzten Monaten. Ich beginne nämlich an mir selbst zu zweifeln und fang an, mich auf Euripides Auffassung von den rachsüchtigen Göttern oder Mächten, die mein Geschick manipulieren, einzulassen.

Dann ein kurzer Sprint in einer Nobelkarosse bis zur nächsten Raststätte Tecklenburg. Weicher Sessel und so warm, daß meine Hose dampft. Wär ich noch etwas länger drin geblieben, hätte ich keine kalten Finger mehr. Seine Gattin meldet sich per Handy, wo er denn bleibt, er: Stau, Schnee, Regen und nochmal Stau. Aber sie soll in Hamburg schon mal die Pizza auftauen. Mein Bauwagen interessiert ihn nicht.

Aus dem Auto raus wirds erst richtig kalt, die Zähne schlagen aufeinander, und ich brauch mich gar nicht schütteln, das tuts von selbst. Kommt wohl von der plötzlichen Umstellung aus dem verweichlichten Nobelklima ins normale Leben am Rand der Gesellschaft. Wird schon wieder, man gewöhnt sich, außerdem überleg ich, solange es noch hell ist, kann ich auch zu Fuß gehn, denn die 20 km sind ja wohl zu schaffen. Es nervt nämlich, dauernd solche fröhlichen Egoisten um etwas zu bitten, was sie so ungern mit andern teilen - mal sehn, ob die Aldischuhe das durchhalten.

Schöpferische Provisorien?

Zwar hab ich bisher immer in Provisorien gearbeitet, und sofern es die Kreativität freisetzt und überhaupt die Leute ermuntert, mit beschränkten Mitteln ihre schöpferischen Freiräume zu erweitern, ist das voll gut. Aber es kommt auch der Punkt, wo man nicht mehr will, weil bei allem Verzicht auf Bequemlichkeit und Kohle das Mißverhältnis von Arbeit und Erfolg einfach zu kraß ist. Meinen ewigen Optimismus verstehn sowieso viele (mir nahe Stehende) nicht, das wurde mir auch schon zum Vorwurf gemacht, aber ich konnte es wenigstens verantworten. Aber das zu verantworten trau ich mich jetzt nicht mehr. Ich will auch so nicht mehr, und ich will auch mal ein längeres Manuskript zuende bringen, oder meine Übersetzungsprogrammierung, die schon jetzt besser läuft, als das IBM-Programm, das ich früher benutzt habe, fertig kriegen.

Und ich möchte nicht wieder ein Künstlerdorf im Sommer mit Schulden über Schulden abschließen, denn das ist für alle, die mitmachen, entmutigend zu sehen, daß wenn es ans Saufen geht, dann ist genug da, aber wenn wir bloß ein paar Töpfchen Farbe brauchen .. naja, die hat Doris von ihrer knappen Sozialkohle bezahlt, nachdem sie erst um eine Spende fürs Künstlerdorf gebettelt hat. Mit der Farbe und einigen Bildern im Rucksack ist sie zu den Festivals getrampt. Peinlich bei sowas ist die Vorstellung, welche der vorbeifahrenden Autos wohl ebenfalls dahin fahren, und wir gestalten diesen unbarmherzig Leuten dann ein inspirierendes, menschenfreundliches Wochenende oder bieten ihren unbeaufsichtigten Kindern Malworkshops an.

Die Gefräßigen verschlingen unsere Bemühungen als kostenlosen Nachtisch, Menschen, Kultur, Gefühle, alles ist Konsum. Übrigens von der öffentlichen Kulturförderung ganz zu schweigen: die Kulturbürokraten empfinden Künstler nur als gleichwertig, wenn sie 2A verdienen, wir armen Hunde aber dürfen Sozialkultur plus Selbstausbeutung machen. Wenn ich mich recht entsinne, hat das manchen schon auf Koks gebracht, und wenn man davon abkratzt, ist man vielleicht groß - vielleicht, meistens nicht. So ist das, und obendrein wird die künstlerische Boheme mit Häme überzogen, alles Kiffer und schlimmer (deshalb am Rande: ich rühr nicht mal euern Kaffee an, no smoke, no alk!). Aber was bleibt uns anderes übrig, als in dieser Herzlosigkeit unsre besten Gefühle zu plündern, nicht zu schlafen, von Besoffenen und Nazis angegriffen zu werden, und wenn sie ihr Geld versoffen haben, ihnen das vegane Essen oder Yogitee zu spendieren?

Finanzamt will dichtmachen

Wahrscheinlich sind wir alle alleine, ich sollte nicht zuviel erwarten, und Zwangsgemeinschaften habe ich immer gehaßt, aber eigentlich möchte ich doch, daß es gut ist und zusammen geht. Bloß das Falsche, auch das Dürftige und die Gefühlsroheit untereinander, das bringt mich auf. Ja, ich fühle mich verstoßen, sitzen gelassen, ausgeschlossen aus der Gesellschaft und sehne mich nicht nach Gefälligkeiten, für die ich Dank oder eine schlimmere Sklaverei schuldete, was ich will ist Gegenseitigkeit und einen fairen Umgang, wo meine Arbeit (nicht 40 oder 50, sondern über 100 Stunden die Woche, einige kennen mich darin) entsprechend gewürdigt wird. Aber ich werde hier ausgehungert, ich darf immer nur reinstecken und machen, nach Maos Prinzip vom Vertrauen auf die eigene Kraft, und kann jetzt gar nicht mehr soviel arbeiten, wie - allerdings durch die erwähnten Mißgeschicke (zB Auto) - an Löchern aufgerissen wird. Sonst hat es nämlich immer gereicht für meinen wilden Aktivismus, samt 100 Mark hier, kostenlose Flugis da, und sogar ein Tee im Bistro.

So sind die Meditationen auf der Wanderung uphill-downhill durch den Teuto, es ist echt abwechslungsreich hier, hinter jedem Waldstück eine neue Aussicht, also eigentlich ein Spaziergang, vor allem, wenn es nicht regnet. Aber beruhigen kann mich das nicht, ich werde nur rebellischer. Das schönste ist die Bitterkeit, mit der ich lache. Meine Straßenrandperspektive hat was, zuerst ist es Neid auf die, denen es besser geht, und wenn man sich einige Zeit in ihrem Dunstkreis gewärmt hat, vielleicht sind sogar ein paar Brocken vom Tisch abgefallen, für die ich mich stets höflich bedanke, dann ... aber das kanns nicht sein!

Oder noch krasser: der Streß mit dem Finanzamt ist zu einer Art Entzündung in meinem Gehirn geworden, jedenfalls schwürt und schwärt es vor sich hin, auch wenn ich versuche, mir ein paar nette Sachen auszudenken. Für das Finanzamt existiere ich eigentlich gar nicht, bzw darf ich nicht existieren. 9000 Mark schulde ich denen, und da sie dem Kirch 400 Millionen erlassen haben, geht jetzt bei mir kein Pfennig mehr. Zwar beruhen die 9000 auf Schätzungen, weil ich nicht rechtzeitig (wegen Liebeskummer) die Steuererklärung eingereicht habe, aber deren Schätzungen sind Recht, und meine verspäteten Erklärungen Unrecht. Ich scanne euch das mal ein, damit ihr wißt, wie sowas aussieht, wenn man zur Unperson und Nichtexistenz erklärt wird, es ist derselbe Geist, der einen ganzen verschuldeten Kontinent ignoriert, er wirkt auch hier,und von hier kommt er. Was wäre dringlicher, als die Bestie hier zu bekämpfen?!

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das Absurde

Während der Wanderung schärfen sich die Sinne, etwa wenn es aus den Restaurants am Weg so phantastisch riecht, und egal an welchen Häusern ich vorbei kam, könnte ich sagen, was sie auf dem Tisch haben, oder es zumindest ahnen. Das waren in Gedanken über hundert Abendessen. Und dann stand im Gartentor an einer Dorfstraße ein kleines Mädchen, kaum fünf Jahre alt, es kicherte fortwährend und quietsche allen vorbeirauschenden Autos hinterher. Dabei fällt mir nämlich ein, gestern hat mir eine Freundin aus einer Wagenburg geschrieben, daß sicher bald ein Engel für mich vom Himmel fallen werde, und ich dachte, wenn ich mich auf dieses Denkmodell einließe, hätte ich wahrscheinlich einen gefallenen Engel zu erwarten. Aber vielleicht soll das Kind der prophezeite Engel sein und mich auf bessere Gedanken bringen. Ich spür allerdings noch keine Wirkung, oder?

Tja, dieses innere Protokoll der vierstündigen Wanderung von der Autobahn nach Osnabrück bei Schneeregen und Matsch (mit aufgehellten Abschnitten) ist ... schließlich bin ich in der Stadt, es ist dunkel, von irgendwo kann ich anrufen, und Lothar holt mich ab, er wollte sowieso mal in die Stadt. So komme ich hungrig und sonst ganz passabel zuhause an. Die Füße und die Stiefel habens durchgehalten, erstmal ausziehn und ins Trockene damit. Die Heizung laß ich aus, damit es länger reicht. Der Müslivorrat vom letzten Festival ist noch nicht aufgebraucht, Milch ist auch da, was will ich mehr? - Aber eigentlich kann es so nicht weitergehn. Es ist absurd. Sicher, ich drucke schon seit Jahren fast nur auf Papierresten, die ich in Druckereien kostenlos abstaube, überhaupt kann man aus nichts sehr viel machen. Es ist nur ein Haken dabei: auch die Wertschätzung meiner Mitwelt läuft auf dieses Nichts hinaus, Nichtachtung bei allem, wo das grandiose Wertschätzungmittel Geld ins Spiel kommt, und dann die Nichtung durch das Finanzamt - durchaus im existenzialistischen Sinne, sogar kafkamäßig - das ist das Absurde!

Es mangelt mir bestimmt nicht an schönen Ideen, die andern Mut machen und ihnen Vertrauen auf ihre eigene Kraft vermitteln können. Schon bevor Kirchs Pleite absehbar war, hab ich zB versucht mit einigen Leuten über das Konzept einer neuen Medienprojekts (praktische Utopie + Bewußtsein) zu sprechen. Was wäre heute wichtiger, wo den Menschen nicht nur von Hollywood, Bertelsmann, Springer und Murdoch (Kiepenheuer nicht zu vergessen), sondern auch von der Militärpropaganda ins Gehirn geschissen wird? Gibt es eine schönere Aufgabe, als den Menschen wieder das Lesen beizubringen? Ihnen eine Ahnung davon zu geben, daß lesen mit ihrem innersten Selbst zu tun hat, daß lesen da Klarheit schafft, wo die Medienkonzerne seit den neoliberalen 80ern zukleistern? - Insofern ist auch Grass' Titanic eine alte Kamelle, wozu soll man seine Vergangenheit wiederfinden, wenn man keine Gegenwart hat? Und sein Weites Feld war eher eine Ausflucht in dichterische Ferne als Gegenwart, die nicht nur dem großen Dichter zu heikel ist.

hinschmeißen nicht, aber...

Es ist nicht, daß ich hinschmeißen will, aber so wie es jetzt ist, kann es gar nicht weitergehn, weil in Kürze das Ordnungsamt auf Antrag des Finanzamts den Laden hier stillegen soll. Will dann noch einer Bücher? Oder sonst was? Hier hängt ja einiges an Kultur dran. Es müssen sich also Menschen finden, die diese Kultur wichtig finden, sodaß sich ein Plan machen läßt, wie es laufen kann, und zwar gut!

Schon vor einem Jahr, als ich das Resumee der Agrarwende geschrieben habe, habe ich zwar nicht gefordert, doch echt gewünscht, daß die, die eine alternative Kultur wollen, nun auch nachdrücklich daran arbeiten. Immerhin sollte ja auch durch die Jahre ein Bewußtsein dazu erwachsen sein. Die Agrarwende, oder vielmehr die radikale Ökologisierung der Gesellschaft und ihrer Wirtschaft sollen die bewirken, denen es ein Anliegen ist, und genauso in der Kultur, in der Kunst, in den Medien. Es kommt auf die Inhalte und nicht auf ihre Verwertbarkeit an! Das dürfen wir keinen um den Staat verdienten Beamten und 1A-Würdenträgern überlassen, zu deren Ideengebern wir degradiert werden, und die natürlich überzeugt sind unsere plebejischen Ideen erst aufs richtige Maß zu stutzen, aber im Grunde alles nur übel machen. Den sozialen Rebellen werden die Ideen gestohlen und verfälscht, ich hatte so einen in meiner Schulklasse, der hat seinen glänzenden Schnitt gemacht.

Nach dem 11. September habe ich ein politisch umsichtiges und ernsthaftes Handeln noch dringender gefordert, denn wenn ihr nichts ändern wollt, weil euch eure westlichen Privilegien zu schade sind, "dann geht ihr mit eurer politisch korrekten Existenz noch alle den Bach runter," und dann bleibt die Initiative, überhaupt noch was zu ändern, bei denen, die an die Sprache der Bomben glauben. Ich bin jedoch nicht der Meinung, daß diese Gesellschaft zu ihrer neoliberalen Dekadenz verurteilt ist. Sondern wenn wir schon in unserer Lebensweise gewisse zivilisatorische Fortschritte erblicken, hinter die wir nicht zurückwollen, dann sollten wir auch so zivilisiert sein und überlegen, wie diese Kultur weiterbestehen und entwickelt werden kann. Wir leben jetzt in einer offenen Postmoderne, und der sozialdemokratisch-christsoziale Beamtenadel samt grüner Parvenüs ist ein Relikt des Fronfeudalismus, heute werden andere Kräfte für die Veränderung gebraucht!

Oder will die Gesellschaft nicht vorwärts? Ich frage mich wirklich, ob ich überhaupt gebraucht werde? Zumal meine Arbeit gegen den Krieg seit dem 11. September auf soviel Ignoranz gestoßen ist, und ob ich den Hofnarren einer Wohlstandsgesellschaft spielen soll, die ihre Narren nach den neusten Regeln des Neoliberalismus ausgliedert und abwickelt. In der Tat ist die Effizienz meiner Arbeit inzwischen so gering, daß es eine Schande ist. Gut, eine meiner etlichen Übersetzungen zu Afghanistan wurde im Telegraf und im ND abgedruckt - kostenlos, versteht sich - aber es geht einfach nicht an, daß ich mit soviel Arbeit sowenige Menschen erreiche, auch wenn ich für jeden Leser dankbar bin.

Zweifellos ist dies die große Zeit des Konsumismus, aber das Leben ist nicht konsumierbar, sondern es will gestaltet werden. Der Konsum drängt sich in den Vordergrund, und man hat den Eindruck aller Genuß und Lebenskraft läge darin, doch der Konsumismus ist Gestaltungsunfähigkeit, so wie der Raub eigentlich Schwäche ist, selbst etwas zu schaffen.

So, noch zwei, drei Sätze: Betrachte diesen Brief getrost als Abschiedsbrief, sofern sich nicht endlich Kräfte finden, mit denen ich was Vernünftiges machen kann, denn gegen das Finanzamt komm ich so nicht an. Ich möchte dies nicht als "Hilferuf" verstanden wissen, auch nicht als Klage, daß wieder ein tolles Projekt weg ist, denn statt Hilfe und noch sovieler Projekte brauchen WIR ein neues soziales Miteinander!
                                                            Herrmann Cropp

PS: übrigens würde mir auch der eine oder andre Beschwerdebrief ans Finanzamt gefallen.

PPS: die bedürftigsten meiner Freunde und Mitstreiter greifen schon nach ihrem Gesparten und wollten aushelfen. Vielen Dank für die spontanen Zusagen, aber ich hätte im Moment ein schlechtes Gewissen, das anzunehmen.