Housemitteilung:
hier in Kürze: Leserkommentare ... die Klimakontroverse ... Finanzkapitalismus, gibts das?
Besinnliches zum Neuen Jahr
in der neoliberalen Kampfzone
1,1,2008
... und am Ende fleißigen Lesens winkt jedem eine flower-power-Überraschung!
Die Alternative ist ökologisch, ganz klar, und wer dafür ein Jahrzehnt oder sogar sein Leben lang gestanden hat, weiß wieviel Spott und Häme die Vertreter dieser Überzeugung ernteten, vor allem von Seiten derer, die ihr Geld regelrecht mit Dreck verdienen - die saßen auf der Seite der Gewinner, jetteten zu fernen Palmenstränden oder speisten in Luxusetablissement, wovon unsereiner ... naja, geträumt sowieso nicht hat, aber es ist verdammt nicht leicht, um der Idee willen so lange im Abseits zu stehen.
Hinzu kommt, daß die sozialen Bewegungen, die sich seit 20-30 Jahren der ökologischen Umgestaltung verschrieben haben, große Fehler gemacht haben, bzw sich neuerdings im Internetvakuum verflüchtigen. Es gab seit den Hippies mit Landkommunen und Haß auf Plastik immer wieder neue Bewegungen und junge Menschen mit differenzierten Ansätzen, zuletzt den Veganismus, jedoch blieben alle Versuche mit zwar schönen und sogar erfolgreichen Projekten in der Vereinzelung stecken. Diese Vereinzelung geht soweit, daß die Leute und Projekte in einer Stadt oft nichts voneinander wissen, geschweige denn, daß es eine regionale, bundesweite, europäische oder gar globale Vernetzung gäbe. Die bestehende Vernetzung wird mangels besserem überschätzt, denn tatsächlich ist der Aktivitätsgrad im Vergleich zu dem, was politische Bewegungen leisten könnten, ziemlich niedrig, was einfach daran liegen mag, daß die neue Informationstechnologie die Menschen dazu verleitet, kaum noch vom Hocker aufzustehen (man hat virtuelle Freunde bei Myspace und StudiVZ, Cybersex, MP3, protestiert per Internet usw, obwohl diese Technologie den Menschen mehr selbstbestimmte Zeit zu geben versprach).
In den 70er Jahren war die ökologische Bewegung in Verbindung mit einer echt guten Musik, langen Haaren, Räucherstäbchen, Psychedelic usw durchaus erfolgreich, und in Deutschland wurde in den 80ern die Ökobewegung erst richtig stark, während sie in den andern westlichen Ländern infolge des Neoliberalismus abflaute, was nach 89 auch hierzulande einsetzte. Von Anfang an waren all die guten Projekte, Läden, Betriebe (ebenso wie mein Verlag) dem seit der Ölkrise immer mehr verschärften Niedergang der Weltwirtschaft ausgesetzt, was wir im Vertrauen auf die eigene Kraft jedoch vorerst kaum wahrnahmen. Inzwischen dauert die Weltwirtschaftskrise so lange, und es ging auf und ab, daß man nicht mehr recht daran glauben mochte, und damit das Bewußtsein für die Krise des Finanzkapitalismus abhanden kam. Wohlgemerkt des Finanzkapitalismus im Unterschied zum Unternehmerkapitalismus, weil nur ersterer Gewinner und Betreiber der neoliberalen Wirtschaftspolitik ist. Was den meisten jedoch nicht klar ist, ist daß in Krisen die Verluste soweit wie möglich nach unten durchgereicht oder vom Staatshaushalt aufgefangen werden. Deshalb war die Stimmung bei den Superreichen so gut, denn die Steuerzahler haben ihre Verluste bezahlt, und die wirtschaftlich Schwächsten haben Haus und Existenz verloren.
Im Auf und Ab und Hin und Her geriet die Entwicklung ökologischer Alternativen (Landkommunen, echte Bioläden statt Bioboutiquen, selbstgebaute Windräder statt Megaturbinen von Firmen, die ansonsten AKWs bauen, und überhaupt die sanfte Technologie) zu einem Nebenaspekt - der Hauptaspekt? Gute Frage! Der hat sich in einer postmodern - pluralistisch - bunten Vielfalt aufgelöst, durchaus dem historischen Trend der Zunahme individueller Freiheit entsprechend. Aber erstmal hat das in den Köpfen und Medien, in den Bereichen Politik, Wirtschaft und sogar Religion enorme Verwirrung gestiftet - das wird jetzt kein Wort zum Sonntag oder so, sondern eine notwendige Erklärung:
1. warum ich den Packpapierverlag mache und endlich wieder Land sehe,
2. warum und wie ich mich der nicht grade einheitlichen und dadurch geschwächten Bewegung ökologischer Alternativen verbunden fühle, und
3. warum ich überzeugt bin, daß der große wirtschaftliche und politische Rahmen dieser Postmoderne gar nicht so verwirrend und unübersichtlich ist, wenn man die Sache historisch statt tagespolitisch und ideologisch betrachtet.
3. Um beim letzten Punkt anzufangen,
vom ideologisch Vordergründigen kommen grade unsere tollen Politiker nicht los:
// Merkel, ursprünglich scharf neoliberal (in ihrem Leipziger Parteitagsprogramm 2003), ist notgedrungen wirtschaftskritisch geworden, kürzlich frohlockte sie, daß „der Aufschwung bei den Menschen angekommen“ sei, und jetzt warnt sie, sonst „fliegt uns der ganze Laden auseinander“ // Hochfinanzpräsident Köhler meinte vor einem Jahr, „daß es in diesem Land zuviel Angst vor Zumutungen gibt“, und jetzt entdeckt er sein Herz für die Armen, „sozialer Friede ist ein Standortvorteil Deutschlands“ oder verstehe ich ihn falsch? // Bush ist sowieso ein Vollidiot mit Hirnschaden wegen Alkoholismus (schon Hannah Arendt beklagte sich darüber, daß an amerikanischen Universitäten soviel gesoffen werde) // Die käufliche Journaille stößt ins selbe Horn wie Bush, Köhler und Merkel // Künstler haben wohl auch nicht die Wahrheit gepachtet, Baselitz zB findet es ok, wenn der Markt über den Erfolg von Kunst entscheidet, und Stockhausen erwartet die Rettung aus dem irdischen Jammertal vom Sirius // die Obergauner aus der Wirtschaft wie Ackermann (Deutsche Bank), Schrempp (Mercedes), Zumwinkel (Post), Kleinfeld (Siemens), Esser (Mannesmann), Roels (RWE) usw. lehren uns höchsten, daß wirtschaftlicher Erfolg die Probleme vermehrt statt sie zu lösen // und die Wissenschaft? Wenigstens hier stellen wir erfreulicherweise seit den immer dringlicher werdenden Appellen des IPCC ein zunehmendes Engagement und eine klare Sprache fest, was angesichts der sprichwörtlichen Elfenbeinturm-Haltung ein echtes Coming Out ist. Und da die Kanzlerin dank eines sozialistischen Bildungssystems nicht der neoliberalen Bildungspolitik zum Opfer gefallen ist - mit ihrem sozialen Hintergrund wäre sie jetzt vielleicht in der Hilfsschule - und sogar eine naturwissenschaftliche Ausbildung erhalten hat, kann sie sich der zwingenden Logik des IPCC-Klimaberichts nicht mehr entziehen.
Soweit mein systemkritischer Rap gegen den Klassenfeind, das mußte sein. Bei manchen schämt man sich ja, mit ihnen auf der Schulbank gesessen zu haben, eigentlich sollten schon von Kindheit an tiefe Gräben der Feindschaft zwischen Oben und Unten gezogen werden, damit man nicht zum falschen Philanthropen wird. Es wäre zu wünschen, daß der Gangsta-HippHopp zunimmt und sich irgendwann so gut artikuliert und politisiert, daß die Finanzkapitalisten ihre Rechnung präsentiert bekommen, oder eine andre neue Gerechtigkeitsbewegung sie zur Kasse bittet. Leider lohnt es sich nicht drauf zu warten, daß Ackermann einem U-Bahn-Schläger in die Arme läuft, so gerecht ist der Lauf der Geschichte denn doch nicht.
Der Lauf der Geschichte lehrt mehr als Frust und Schadenfreude,
so muß man wissen, daß es die großen Krisen schon oft gegeben hat, jeweils verbunden mit der Entstehung eines neuen Zentrums der Weltwirtschaft, so in den 1920er Jahren in New York, vorher London und Amsterdam. Die Zeit für New York ist nun endgültig abgelaufen, ob das nächste Finanzzentrum wieder in Europa liegen wird (vermutlich Frankfurt), ist noch nicht raus, klar ist jedoch, daß so ein Zentrum die größten sozialen Gegensätze direkt in seiner Umgebung forciert. Das sind aus der Wirtschaftsgeschichte bekannte Umstände (mehr dazu in meinem Aufruf zur Intellektuellen Selbstverteidigung www.packpapier-verlag.de/housemitteilung6.html). Man weiß daher auch, daß diese Verschiebungen mit einem zeitlichen Abstand von fast 100 Jahren geschehen, daß die Krise in mehreren Schüben erfolgt usw. Allerdings wundert mich, daß in der wirtschaftspolitischen Diskussion der Sozialen Bewegungen und den ihnen nahestehenden Medien (bis zur TAZ) sowenig Geschichte und entsprechendes Verständnis vorkommt. Dasselbe gilt für die sogenannten Qualitätsmedien, der Spiegel ist unter Aust zu einem regelrechten Prollblatt (im Sinne von white trash) geworden, Zeit und Süddeutsche konkurrieren um neoliberale Beliebigkeit, und sogar die Nobelpreisvergabe als Höhepunkt des wissenschaftlichen Betriebes ist tagespolitisch und modeorientiert.
Der Neoliberalismus ist eine Wirtschaftslehre,
die den Anspruch erhebt, nicht nur die Ökonomie sondern das menschliche Sozialleben schlechthin zu erklären. Entwickelt in den 1930er Jahren von Mises (heute als Begründer des Anarchokapitalismus zu neuen Ehren gelangt) und Hayek und in den USA/Chicago von Friedman und Becker, gelangte erst in der unruhigen Zeit um 1968 zu Anerkennung. Seine wichtigsten Ziele sind: keine staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft, Übertragung von Gemeinschaftsaufgaben wie Bildung, Gesundheit, Wasserversorgung usw an die Wirtschaft, das heißt Entstaatlichung, sogar Kriege sollten privatwirtschaftlich geführt werden, absolute Konkurrenz und freie Märkte, das Recht des Stärkeren, keine staatlichen Sicherungssysteme für Arbeitslose, Kranke und Rentner und vieles mehr. 1971 begann mit der Aufgabe der festen Wechselkurse, der Entwertung des Dollars um 25%, und der deshalb erhöhten Ölpreise (Ölkrise) eine bis heute andauernde Kette als neoliberal bezeichneter finanzpolitischer Maßnahmen, die nur dazu dienten das Anlagekapital stärker und die Finanzkapitalisten reicher zu machen. Für Unternehmer, die ihr Geld nicht in Papieren sondern im eigenen Betrieb als Sachvermögen angelegt hatten, öffnete sich die Schere zuerst, denn es lohnte sich mehr, Geld gegen Zinsen zu verleihen als zu investieren. Wenn die Zinsen höher sind als das Wirtschaftswachstum, ist es nicht mehr sinnvoll zu investieren, weil man statt Gewinn Schulden macht, die Folge der Hochzinspolitik ist Arbeitslosigkeit. Vorreiter dieser Entwicklung war und ist die USA, die sich jüngst mit der Dollarentwertung Milliardenschulden vom Hals geschafft hat, und die EZB ist mit 100 Milliarden eingesprungen, gezahlt also - haben wir! Den US-Wirtschaftsbossen und Politikern ist durchaus bewußt, daß sie mit der Dollarabwertung ihre Schulden auf andere abwälzen, O’Neill, Chefökonom von Goldman-Sachs: „die USA mögen den schwachen Dollar, sie agieren mit Vorsatz!“
Das also ist Neoliberalismus, Betrug, Zerrüttung der Wirtschaft, Enteignung derer die sich nicht wehren können, Verelendung, Kinderarmut, Kriminalität usw. Eine Betrachtung ihrer tatsächlichen Auswirkungen in der jüngsten Geschichte zeigt, was diese Theorie, Lehre oder Ideologie wirklich ist. Wenn in den Medien von einer rätselhaften Theorie geredet wird, die die breite Masse nur nicht so richtig verstünde, dann schnurrt man erstmal zusammen oder reagiert mit Desinteresse. Ich hoffe, ich trage mit dieser Darstellung zur Entmystifizierung der gegenwärtigen Politik bei, Politik samt ihrer massenmedialen Helfershelfer ist vor allem Verdummung - oder wer es drastischer liebt - Verarschung! Desinteresse ist aber total daneben, meistens kommt man solchen theorieverkleisterten Lügen auf die Schliche, wenn man ihre wirkliche Historie verfolgt. (Zum Weiterlesen empfehle ich http://stephan.schulmeister.wifo.ac.at/index ein österreichischer Ökonom mit verständlicher Sprache, viele Texte zum downloaden)
Unvorhersehbarkeit künftiger Entwicklungen
Als der Neoliberalismus vor 40 Jahren Realität wurde, ahnte noch niemand, was er nach 1989 alles anrichten können würde, er war erst nur eine Strömung unter vielen, die irgendwann ihre historische Chance hatte. Wahrscheinlich hätten bis dahin noch etliche andere Trends die nachfolgende Zeit prägen können, insofern war aufgrund historischer Erfahrung zwar mit einer schweren Wirtschaftskrise zu rechnen, aber nicht absehbar, welche Personen und welche Ideologie sie tragen würden. Um die Unvorhersehbarkeit künftiger Entwicklungen zu illustrieren, stelle man sich alternativ vor, daß die heute vielerorts in sozial benachteiligten Kreisen existierenden Tauschringe im Rahmen einer weltwirtschaftlichen Neuorientierung sich als die supertolle Idee erwiesen, daß Arbeitsämter abgeschafft und Tauschringe in deren Gebäude zögen usw! Oder daß Silvio Gesell der Prophet eines New Deal würde, naja.
Geht’s auch ohne Krisen?
Natürlich fragt man sich, ob das für immer gilt, oder ob die fast 100-jährigen Zyklen durchbrochen werden können? Die Geschichte ist voll von Versuchen der Sozialisierung, seien sie religiös, bürokratisch, spartakistisch, zaristisch, bolschewistisch, spartanisch, demokratisch usw motiviert. Zwar ist es nie gelungen, das Blatt endgültig zu wenden, aber deshalb von einer menschlichen Natur „jeder gegen jeden“ zu reden, und dieses Credo gar zu einer alle Lebensbereiche bestimmenden neoliberalen Ideologie zu erheben (so Nobelpreisträger G.S. Becker), ist voreilig.
Der gewaltige Versuch des Sozialismus / Kommunismus in Osteuropa im letzten Jahrhundert ist trotz seiner enormen Fehler nicht zu unterschätzen. Das Jahrhundert war geprägt von weltweiten sozialen Auseinandersetzungen, die von diesem zugegebenermaßen zweifelhaften Vorbild profitierten, auch wenn sie sich, wie die westliche Sozialdemokratie, nicht darauf beriefen. Jetzt sind wir mangels zeitlichen Abstandes noch nicht soweit, dessen Bedeutung richtig einzuschätzen, doch es sollte zu denken geben, daß die durch die Konkurrenz der Systeme entstandene Soziale Marktwirtschaft einem großen Teil der Menschheit nie zuvor gekannten Wohlstand beschert hat, und zwar in den kapitalistischen Ländern! Führende Teile der Gesellschaft in allen westlichen Ländern wünschten in der Zeit des Kalten Krieges einen „Kapitalismus mit menschlichem Gesicht“, der geprägt war von staatlicher Intervention in die Wirtschaft, sozialer Sicherheit und Kooperation zwischen Gewerkschaften und Unternehmen. Diese Phase wird nach ihrem Begründer Keynesianismus genannt. In Anbetracht der damaligen Weltlage, der brutalen imperialistischen Ausbeutung und der kriegsähnlichen Systemkonkurrenz hatte dieser Wohlstand allerdings etwas Bedenkliches. So ist es kein Wunder, daß die Balance sich bereits in den 60er Jahren mit neuen politischen Unruhen vor allem in der Jugend, aber auch durch die zunehmend streikbereite Arbeiterschaft aufzulösen begann. Die kulturrevolutionären Hippies und die Ökobewegung erschütterten die westliche Gesellschaft im Innersten, denn sie waren es, die die „Revolution der Werte“ (Marcuse) vornahmen, der Riß ging durch alle Familien, und zwar dank des kulturellen Ansatzes von der Mittelschicht aufwärts.
2. Womit ich zur Bedeutung der Ökobewegung in der Weltwirtschaftskrise komme:
Schon vor der Auflösung des östlichen Staatssozialismus gab es mit der kulturrevolutionären Jugendbewegung einen grundlegend neuen Ansatz ökologischer Wirtschaftsweise, wobei nicht mehr die Priorität im Wohlstand für alle und einer entsprechenden Naturausbeutung gesehen wurde, sondern in einem genügsamen, sparsamen Leben mit der Natur. Das ist das großartige an diesem Versuch die Wirtschaft und das Gemeinschaftsleben zugleich umzukrempeln, Armut sollte nicht durch Sozialisierung und Enteignung beseitigt werden, sondern durch eine Neuorientierung auf andere, nämlich ökologische Prioritäten, wobei sich in den temporären Versuchen der Landkommunen und anderer Projekte zeigte, daß die gewonnene Lebensqualität sich gar nicht an der üblichen Lohnskala messen ließ. Seinerzeit nannte ein bekannter Theoretiker der alternativen Ökonomie, Rolf Schwendter, dies Selbstausbeutung - na wunderbar! haben wir gedacht, so sieht also ein Paradigmenwechsel aus.
Es gibt eine Unzahl Biografien, die in ihrer bewegten Jugend in den 60er Jahren aus ihrer traditionellen Sozialisation herausgerissen wurden und heute zu den harten Vertretern der neoliberalen Szene gehören. Es kann nicht übersehen werden, daß die da oben und wir (ich sag mal wir, ja?) hier unten in einer Kultur leben und in der Jugend ziemlich ähnlich geprägt werden; ob sie ihrer Klasse treu bleiben und ihren Eltern keine Schande machen, erweist sich erst nach Abschluß der Jugend, wenn der sogenannte Ernst des Lebens beginnt. Es muß nicht sein, nur weil einer mal ein Hippiemädchen geliebt hat, daß er heute noch Blumen in Gewehrläufe steckt. Und manches damals süße Ding macht heute ihrem Gatten die Hölle heiß, wenn er nicht dafür sorgt, daß die Geldquelle sprudelt, damit sie ihre per Flugzeug hergejetteten Bioapfelsinen kaufen und zum Wellnessurlaub in die Karibik fliegen kann. (Aber auch bekennende Anarchisten, Autonome usw mit der staatskritischen Staat-muß-putt-Einstellung sollten sich das zehnmal überlegen, was sie da eigentlich entstaatlichen wollen = ich empfehle Max Weber zu lesen) Andrerseits, vielleicht wenn die Beatles sich nach „All you need is love“ nicht getrennt hätten, sondern am Thema geblieben wären, und die Digger in San Francisco die Volksküche bis heute weitergemacht hätten, wenn die Provos und Kabouter in Amsterdam die Stadtverwaltung total umgekrempelt, und Christiania seine Grenzen über Kopenhagen hinaus bis nach Flensburg erweitert hätte, na, und jetzt fällt euch sicher ein Projekt, ein Laden oder sowas in eurer Nähe ein, wenn das nicht aufgeben worden wäre, hätte das viele andre Leute ermutigt und per Dominoeffekt wird bald alles ökologisch, alles wird grün, friedlich, love&peace, haha! Lovers of the world unite! hieß es in einem Lied, und wenn du es dir richtig überlegst, kommst du darauf, daß die Probleme, die wir in der Welt haben und die jeder persönlich hat, so vielschichtig sie auch sind (politisch, ökonomisch, musikalisch, philosophisch und eben auf privater Ebene), es vor allem menschliche Qualitäten braucht wie Offenheit, Entgegenkommen, Interesse am andern, Vertrauen, Hingabe und Verzichtenkönnen, alles in allem eben Liebe! ... die Freud die treibende Kraft des Sozialen nannte.
Fortschrittsoptimismus und Raketenzeitalter
Die ökologische Umgestaltung ist kein naiver Kinderglaube, den wir im Überschwang unserer Jugend erfunden hätten, er ist zwar auch keine geschlossene grüne Theorie oder ein quasireligiöses Glaubenssystem, sondern er ist, wie ich glaube, die Summe des Lebensgefühls mehrerer junger Generationen, die ihre besten Kräfte dafür brauchen, diesen geschundenen und gemordeten Planeten zu dem Paradies zu machen, das wir verloren haben! Ausgerechnet zu jener Zeit, als es den Menschen so gut wie noch nie ging und der Wirtschaftsmotor kochte, wollten die Hippies ihnen beibringen mit wenig auszukommen und das Anspruchsdenken, die Wegwerfmentalität und Konsumgeilheit aufzugeben. Die meist älteren Generationen zugehörigen Sozialdemokraten, Gewerkschaftler und Kommunisten konnten mit Ökologie nichts anfangen, sie waren im Gegenteil begeistert von Plastik, Schwerindustrie, Autos usw, denn das hatten sie selbst aufgebaut. Dadurch entstand zwischen zwei eigentlich oppositionellen Strömungen ein Gegensatz, der zB von der Springer-Hetzpresse weidlich ausgenutzt wurde. Es kam zu zahllosen gewalttätigen Übergriffen biederer Arbeiter, Taxifahrer, Familientypen gegen Gammler, Hippies, Provos usw, die Easy-Rider-Story ist dafür symptomatisch. Gegen mich wurde mal gehetzt, „stellt ihn an die Wand“, naja, da versteht man, daß die Befreiung der Arbeiter und „Wohlstand für alle“ noch nichts mit Schutz der Umwelt, Liebe zur Natur und Achtung aller Lebewesen zu tun hat.
Es war mitten in Fortschrittsoptimismus und Raketenzeitalter, daß eine kulturelle Gegenbewegung die Ethik ökologischer Sparsamkeit, Genügsamkeit, Naturbesinnung und Ansätze entsprechend nachhaltiger Technologien entwickelte, die in der weltweiten Depression weit mehr als ein Notbehelf, sondern die bereits deutlich erkennbare Perspektive waren! Niemand ist heute berufener als die Ökobewegung, nach wirtschaftlichem Niedergang, massenmedialer Verblödung, Klimakatastrophe und Umweltkriegen um Öl und Wasser den Weg zu einer nachhaltigen Lebensweise aufzuzeigen, natürlich verbunden mit netter Musik, es darf ruhig Goa sein, und die Malerei würde von den Untergangsfarben wieder zu lebensfroher Buntheit wechseln, langhaarige Märchenonkels hätten, da Zeit nicht mehr Geld ist, Muße lange Geschichten zu erzählen, statt des kurzen, gehetzten Social Beat, und so weiter. Die kulturrevolutionäre ökologische Jugendbewegung hat mit ihren breit angelegten Experimenten und Projekten in allen kulturellen Bereichen (Bewußtseinsveränderung, Kunst, Ernährung, Architektur, Musik, Medizin, Politik und Selbstorganisation,....) ein bisher nicht ausgeschöpftes Potential bereitgestellt, dessen konsequente Nutzung und Weiterführung in Zukunft mehr Aussicht darauf gibt, die Krisenhaftigkeit der Ökonomie zu überwinden, als die nur auf Wohlstandsausgleich abzielende Sozialisierung.
Nur mal als Beispiel, gar nicht so eine große Sache, aber eine starke Idee: das Projekt A!
Mancher hat schon davon gehört, daß es das mal gab, diese dezentrale Stadtkommune in einer kleinen Stadt am Rhein, in Neustadt an der Weinstraße. Wieso ausgerechnet dort? Horst Stowasser hat es dorthin verschlagen, und es gelang ihm mit seiner Beredtheit eine Menge junger Leute davon zu überzeugen, eine die Stadt durchziehende Großkommune mit verschiedenen Kleinbetrieben und Einzelwohnungen und einem größeren Haus, in dem dann mehrere Leute wohnen und arbeiten konnten, zu gründen. Faszinierend daran ist, daß nicht ein in sich geschlossenes großes Projekt, sei es selbst von der Größe Christianias, der „alten Welt“ als Alternative gegenübergestellt wird, wodurch zwangsläufig die Gegensätze betont werden, und die Alternativen Gefahr laufen sich mehr an denselben aufzureiben, statt ihre eigentlichen Sachen zu machen. Es könnte daran liegen, daß den Menschen in der alten, zu überwindenden Welt ein an einem Ort konzentrierter Gegensatz mehr auffällt, und sie sich leichter darüber aufregen, als wenn die neuen Strukturen sich quer durch die Stadt ziehen. Eine in die alte Welt hineinwachsende Großkommune, ein integratives Konzept, die sanfte Zersetzung und Unterwanderung muß gar nicht klammheimlich vor sich gehen. Die Stadtkommune in Neustadt hat ganz öffentlich für ihre soziale, ökologische, wirtschaftliche und kulturelle Umgestaltung geworben (Buchempfehlung: Stowasser-Projekt A-WespeNeustadt, eine Dokumentation mit zwei Texten von Horst Stowasser und einer Menge Infos, Zeitungsausschnitten, Flyern, 72 Seiten, 4,20)
Vor einigen Wochen habe ich Horst wiedergesehen - einige Enttäuschungen reicher, aber in bester Stimmung: „jetzt kommt Projekt A Plan B!“ Ich wußte sofort, was er meinte, denn manches vermittelt sich schneller und überzeugender durch das Gefühl, und ich wußte auch, daß mich Optimismus mehr interessiert, wenn man ihm die überwundene Niederlage ansieht. „Es war einfach die falsche Zeit, in den 90ern so ein Projekt zu machen. Die Leute wollten eigentlich was andres, Spaß und so.“ In der Tat, manchmal ist es total gegen den Zeitgeist, wenn man Gemeinschaftsexperimente machen will, die Leute sind zu anders drauf. Der politische Erdrutsch nach 1989 hat die außerparlamentarische Linke verschüttet, die meisten sind in eine vielschichtige Postmoderne abgedriftet, wobei mir der postmoderne Pluralismus durchaus gefällt, desgleichen das Verschwinden des linkstraditionellen Dogmatismus, aber was dann politisch zum Zuge kam: die neoliberale Linke mit Schröder und Blair an der Spitze - naja, die US-Neokonservativen haben auch ihre Wurzeln in der Neuen Linken; Schily (ex-Rafanwalt und ex-Innenminister), Mahler (ex-Rafanwalt und Nazi), Gremliza (antideutscher Rassist), Zülch (völkischer Menschenrechtler), überhaupt die Grünen mit ihrem Bellizismus repräsentieren einen historischen Trend, der einen fürchten läßt, der liebe Gott ließe die Uhr rückwärts gehen. Daß ich die Geschichte der 68er etwas anders erzähle, vor allem die Prioritäten anders setze, merkt man wohl, oder? Nicht nur in Deutschland gibt es eine tendenziöse Geschichtsschreibung, wer darüber gearbeitet hat oder es vorhat, teile mir das bitte mit (außerdem bei dieser Gelegenheit ein Hinweis auf meinen schönsten multimedialen Vortrag über „die Kulturrevolution der Hippies“, den ich manchmal zum besten gebe).
Doch zurück ins Konkrete, nach Neustadt, dort war das Projekt A gescheitert, aber die daraus hervorgegangenen Betriebe haben sich, zumindest teilweise, ganz gut entwickelt. Mit Foucault könnte man sagen, die neuen Unternehmer haben sich den Diskurs der Ökobewegung angeeignet und vermarkten ihn jetzt ausgezeichnet. Wieweit sie bei dem Projekt A Plan B mitmachen, wird man sehen, nach Horsts Auffassung stehen sie ihm wohlwollend gegenüber. Der Plan B stellt das Zusammenleben in den Vordergrund, generationenübergreifend, solidarisch, mit Raum für kulturelle Veranstaltungen, Begegnungen und Tagungen, Kleingewerbe, Werkstätten, Bibliothek, und das Eigentum soll in Zusammenarbeit mit dem Mietersyndikat sozialisiert werden. Die Finanzierung für den „Eilhardshof“, ein Gebäudekomplex nahe Neustadt, ist noch nicht abgeschlossen, aber ich habe mich schon angemeldet, in diesem Frühjahr eine Woche beim Aufbauen zu helfen. Für Neugierige hier zwei Adressen: www.eilhardshof.de - www.neuland-wohnprojekte.de - dann bleibt mir nur noch, viel Erfolg zu wünschen!
1. Wie es mir selbst dabei geht?
Es ist unausbleiblich, daß man jahrelang mit dem Rücken an der Wand steht. Es gab viele Leute mit ökologischen Projekten, Werkstätten oder auch mit Landwirtschaft, mit superguten Ideen und Power, aber sie wurden gezwungen aufzugeben, oft mangels Solidarität ihrer Freunde, aber natürlich auch wegen des starken finanziellen Drucks. Der etablierte Finanzsektor hat die Alternativen ja nie ernst genommen, sie höchsten als RAF-Sympathisanten abgetan oder als Müslispinner. Daß aus dieser Ecke der entscheidende Impuls für die wirtschaftlich-soziale Erneuerung kommen würde, haben wir zwar immer geglaubt, aber die nicht. Es ist wohl eher Zufall, daß ich mit dem Packpapierverlag durchgekommen bin, denn es gab mal eine Flut kleiner Verlage, Druckereien, Läden und was nicht alles, jetzt können wir die Medienprojekte an zwei Händen abzählen, oder je nachdem, wenn man die Buchläden dazunimmt, ist es etwas mehr.
Kürzlich schickte mir ein Autor aus Lüneburg eine Karikatur von Til Mette: zwei schräge alte Spießer im Sessel, das Hochwasser steht im Zimmer, und er zu seiner Frau: „Was mich am meisten ärgert, ist daß diese Ökospinner recht hatten!“ Dieser Witz gibt genau die Ignoranz wieder, der die Ökospinner 30 Jahre ausgesetzt waren, und jetzt stellt sich raus, wir hatten doch recht. Trotz solcher späten Anerkennung, die irgendwie keine ist, weil das Geschäft mit Windrädern doch wieder dieselbe Industrie macht, die Atomkraftwerke baut, und verdienen tun auch dieselben, die die Kohle bald hierhin, bald dahin schieben, trotzdem beruhigt es zu wissen, daß wir mit ein paar Mark und Euro Entwicklungen angeschoben haben, für die die Mächtigen Millionen brauchen (wieder Foucaults angeeignete Diskurse = Ideenklau). Also unausbleiblich unter solchen demütigenden Umständen, sich permanent zu einem Kampf gezwungen zu fühlen, und froh über jeden kleinen Erfolg und Bestätigung, womit die Besteller der Bücher bei mir wahrlich nicht geizen - Danke!
Am schönsten ist es,
wenn ich jemanden treffe, wie oben bzgl Neustadt beschrieben, der mir
von einem neuen Gemeinschaftsprojekt erzählt, und ich sehe,
daß sich unser Handlungsspielraum erweitert, trotz Goldman-Sachs
und Hochfinanzpräsident Köhler. Und ich fahr da auch hin zum
Eilhardshof und zu all diesen „Inseln im Meer von
Ungewißheit“, auf die mich Pamela eben in einem Text von
Hannah Arendt aufmerksam gemacht hat. Arendt dichtet manchmal, wenn sie
über Politik schreibt. Die Inseln oder auch „Oasen in der
Wüste zufälliger Willkür“ (Arendt) sind die Orte,
wo wir handeln können, wo wir frei sind zu handeln, und handeln
können heißt Freiheit haben. Dann laßt uns also Hannah
Arendts Oasen und Inseln schaffen, ich werd in Neustadt demnächst
mithelfen. Und wen es das nächste Jahr nach Münster
verschlägt, dem empfehle ich das Privattheater Kleiner
Bühnenboden hinterm Bahnhof, auch so eine Oase, wo ich ab Februar
jeden Monat einen Literatursalon veranstalte. Ansonsten kann es mit der
Auslieferung von Bestellungen immer etwas dauern, weil ich richtig viel
zu tun habe. Was nicht heißen soll, daß man mich mit
Aufträgen verschonen muß ... so, über Antworten auf
diesen Brief freue ich mich! Die Emails stapeln sich, aber man
muß den Kopf in Bewegung halten.
Herrmann Cropp
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